Lebensfreude

Ich wollte heute über zwei fast tagesaktuelle Themen schreiben. Aber dann habe ich gestern Abend in BR3 etwas gesehen, was mich zutiefst beeindruckt hat. Unter dem Titel „Wie ich 107 wurde“ aus der Serie „Lebenslinien“ spricht eine wirklich alte Frau über ihr Leben. Und das, was mich am meisten fasziniert hat, war ihre Neugier, ihre Lebensfreude, ihre Frische und ihre unglaublich moderne Art das Leben zu nehmen.

Ich hadere seit einiger Zeit etwas mit unserer Art zu leben und dem, was wir aus unserer Lebenszeit gerade nicht machen. Mein Vater, der letztes Jahr mit 90 Jahren verstarb, war auch noch sehr agil, geistig fit und auf seine Art modern. Aber bei ihm blitzte auch immer so etwas Negatives hervor, das er zwischen den Zeilen überall vermutete und auch sah.

Meine Mutter, die ja leider schon mit 77 alle Murmeln aus dem Säckchen der Erinnerung verloren hat, war und ist ähnlich. Sie lebt in einem Pflegeheim, das voll ist mit Menschen, die ihre Neugier, ihre Lebensfreude und ihre Frische verloren haben. Und beim Ansehen der Dokumentation gestern kam bei mir die Frage auf: Was ist der große Unterschied zwischen der 107 jährigen, die kichert wie ein junges Mädchen und den vielen anderen Menschen, die mir in meinem Leben begegnen?

Nicht jeder hat die körperlichen Voraussetzungen um 100 Jahre alt zu werden. Damit hadere ich nicht. Ich hadere mit der Interesselosigkeit, dem Missmut und der Missgunst, die die meisten Menschen umgeben. Vielleicht ist der große Unterschied aber auch, dass es davon abhängt, ob man 1910 oder nach 1925 geboren wurde? Ist das, was wir bei „unseren“ Alten erleben, ein Generationsproblem? Wurde dort eine Generation kultiviert, die ein Leben lang nur auf ein Ziel hin gearbeitet hat und dann mit all den Freiheiten, all den Neuerungen, all den Möglichkeiten und all dem Wohlstand doch nichts anzufangen wusste? Und sind wir „Jungen“ nicht auch ähnlich konditioniert, nur auf den schnellen Kick, tausend Likes und das nächste iPhone fokussiert?

Einer der letzten Sätze in der Dokumentation war, dass es die Kunst des Lebens sei, in anderen das Positive zu sehen und sich daran aufzuladen.

Ich wünsche meinen Lesern und mir, dass wir die Schönheit des Lebens häufiger erkennen, dafür müsste man nur manchmal den Blick vom Display heben…

 

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