So laut du kannst

Ich schaue im Moment gerne Folgen der Serie Timeless. Das ist in weiten Strecken eine ziemlich hanebüchene Geschichte rund um das Zeitreisen, mit viel Action, der Rettung der Welt vor den dunklen Mächten, schönen Kostümen und Liebesleid. Aber immer wieder zwischendurch gibt es Folgen, die mich zum Nachdenken bringen.

Gestern habe ich die Folge „Mrs. Sherlock Holmes“ gesehen. Das Team reist zurück ins Jahr 1919 und soll verhindern, dass die bösen Mächte Alice Paul aus dem Weg räumen. Sie war eine Suffragette, die dem Kampf um das Frauenwahlrecht maßgeblich zum Erfolg verholfen hat. Nun ist in dieser Serie viel Hollywood im Spiel, aber mir wurde bewusst, dass viele heutige Selbstverständlichkeiten vor ziemlich genau 100 Jahren noch undenkbar waren. Diese mutigen Frauen sind damals auf die Straße gegangen, haben das Frauenwahlrecht gefordert und mussten sich dafür von der Gesellschaft auslachen und im Auftrag der Obrigkeit niederknüppeln lassen.

Heute leben wir Frauen in den westlichen Ländern, gemessen an den Umständen damals, im Paradies. Wir bewegen uns frei, wählen unsere Partner selbst aus, gehen zur Schule, studieren, erlernen Berufe, gehen arbeiten und können sogar die höchsten Ämter in Staat und Wirtschaft übernehmen.

Im Sonnenschein des Erreichten verirren sich die vordergründig unsere Interessen Vertretenden in absurde Genderthemen und treiben jeden Tag ein neues buntes Hirngespinst durchs mediale Dorf. Und gleichzeitig schweigen wir still, wenn Stück für Stück tatsächliche oder empfundene gesellschaftliche Veränderungen uns dazu bringen, die seit 100 Jahren so hart erkämpften Freiheiten aufzugeben.

Was sich jetzt wie von hinten durchs Knie geschossen anhört, mag ich gerne an einem Beispiel erklären: Im Gespräch mit meinen männlichen Kollegen kam heraus, dass sie ihre Frauen bereits seit einiger Zeit abends zu Veranstaltungen bringen und auch an der Tür des Veranstaltungsortes wieder abholen. Sie machen das aus einem diffusen Gefühl der Unsicherheit heraus und ihre Frauen wünschen es auch so. Ganz neutral betrachtet kontrolliert der Ehemann damit das Ausgehverhalten der Frau und die Frau lässt es zu.

Der laute politische Kampf für die Gleichberechtigung erfolgt für die ganz großen Themen. Die real existierende und jeden Tag wachsende Ungleichberechtigung zeigt sich aber in den ganz kleinen und vermeintlich unbedeutenden Ereignissen.

Ich finde, dass wir an dieser Stelle viel lauter aufschreien müssen!

Gefangene Hühner