Trübe Aussichten

 

„Die Verallgemeinerung, dass Anarchie im Sinne von Mangel an Staatsgewalt zur Anarchie im Sinne von gewalttätigen Chaos führt, mag banal erscheinen, wird aber in dem immer noch romantischen Klima unserer Tage häufig übersehen.“

(Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt, Kapitel 17 Ebook Pos. 9140)

 

Ich arbeite mich bereits einige Zeit durch dieses Buch. Es hat was von dem Lehrbuch „Öffentliches Recht“ von Arndt/Rudolf, mit dem ich mich im Grundstudium auseinandersetzen musste. Jedes Mal wenn ich es zur Hand nahm, überkam mich eine unüberwindbare Müdigkeit, so dass ich immer nur ein, zwei Seiten lesen konnte. Mit dem Werk von Pinker ist es ähnlich. Manche Passagen sind bleiern, andere wirr. Es ist in einer langen Reihe auch das einzige Buch, bei dem ich an der Originalausgabe gescheitert bin. So habe ich es mir dann doch noch zusätzlich auf Deutsch gekauft. Leider waren auch darin die Passagen über Aussagen der französischen  Philosophen des 16. Jahrhunderts und dem, was Pinker daraus ableitete, für mich nicht immer verständlich. Und dann, wenn man sich grad nichts Böses denkt, haut er einem ein Thema um die Ohren, dass es einem in seiner Aktualität und Tragweite (das Werk ist von 2002) den Atem raubt.

Als ich heute morgen durch den Blätterwald klickte, fand ich in der Welt einen kleinen Artikel mit dem Titel: „Lynchjustiz nach TV-Bericht über Pädophile – Mann überfallen“. Dabei drangen in Bremen mehrere Männer in die Wohnung des vermeintlichen Kinderschänders ein und verletzten in schwer. Ich musste spontan an die Ausführungen zur Gewalt in Pinkers Buch denken und möchte meinen Lesern noch ein weiteres Zitat vorstellen:

 

„Der Umkehrschluss trifft ebenfalls zu. Wenn den Gesetzen nicht genügend Nachdruck verliehen wird, treten alle möglichen Formen der Gewalttätigkeit auf: Plünderung, Begleichung offener Rechnungen, ethnische Säuberungen und kleinere Kriege zwischen Banden, Warlords und Mafiosi.“

(Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt, Kapitel 17, Ebook Pos. 9125)

 

Menschen nehmen die Dinge selbst in die Hand, wenn sie meinen, dass der Staat es nicht oder nicht angemessen tut. Mir gefällt diese Entwicklung nicht.

Berlin