Hallo, ihr Özlems!

Mein Sohn war etwas über zwei Jahre alt, als eine neue Erzieherin in seine Kindergartengruppe wechselte. Sie unterschied sich optisch von allen ihm bekannten Erzieherinnen, da sie Kopftuch trug. Es war wie einen bunte, seidige Wolke, die sie umgab und die ihr Haar vollständig bedeckte. Ich fragte mich immer, wie etwas so luftiges stets so unverrückbar auf dem Kopf sitzen bleiben konnte. Wahrscheinlich hampelt sie nie so herum, wie ich es üblicherweise tue.

Sie war liebevoll im Umgang mit den Kindern, respektvoll und ruhig. Mein Sohn liebte sie. Wenn ich ihn nachmittags abholte, saß sie mit den Kindern der Gruppe auf dem Boden, alle kuschelten sich an sie und sie las ihnen vor. Die anderen Erzieherinnen der Gruppe hatten dann nicht viel zu tun, Özlem stand im Mittelpunkt und ihre sanfte Art machte aus den kleinen Löwen schnurrende Kätzchen.

In den Tür-und-Angel-Gesprächen tauschte ich mit ihr manch privates Wort aus. Uns verband der Spagat zwischen Beruf und Familie. Wir hatten beide den Wunsch mit der eigenen Berufstätigkeit zum Wohlstand der Familie beizutragen. Und wir wollten, jede auf ihre Art, den mit erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwand erreichten beruflichen Abschluss auch für das eigene Ego nutzen.

Kurz vor den Sommerferien fand ein großes Fest des Kindergartens statt. Die künftigen Schulkinder wurden verabschiedet. Hierfür trafen sich Erzieherinnen, Kinder, Eltern und Geschwisterkinder in einer nahegelegenen Grünfläche zum Picknick. Die Familien breiteten Decken aus, auf denen man saß, es gab ein Fingerfood Buffet und Spiele für die Kinder. Auf einer der Decken hatten sich die Kopftuch tragenden Mütter zusammengefunden. Mein Sohn sprang umher, lief dann auf diese Frauen zu und begrüßte sie mit einem lauten und irgendwie respektvollen:

„Hallo, ihr Özlems!“

Dann winkte er ihnen fröhlich zu und lief davon. Die Frauen blickten erst ihn, dann mich etwas irritiert an, lächelten betreten zurück und unterhielten sich weiter.

Ich kann gar nicht genau sagen, was mir im Kopf herum ging. Ich schämte mich irgendwie. Und ja, ich fand es auch lustig. Es war ja kein großes Ding und doch war es eine peinliche Situation. Diese kleine Äußerung machte die Fremdheit zwischen ihnen und mir so überdeutlich. Ich dachte viel darüber nach.

Ein paar Tage später trafen wir auf der Straße wieder auf eine Frau mit Kopftuch. Mein kleiner Sohn winkte fröhlich und rief: „Schau mal Mama, eine Özlem!“

Was mir zuvor in meiner politisch korrekten, erwachsenen Ignoranz nicht in den Sinn gekommen war, wurde mir schlagartig klar. Für ihn war „Özlem“ eine Berufsbezeichnung. Frauen mit Kopftüchern waren für ihn besonders kompetente Cheferzieherinnen. So wie die Frau Doktor ein Stethoskop in der Kitteltasche hat und der Polizist eine Uniform trägt.

Was für eine entwaffnende Unvoreingenommenheit der Kinder!

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