Unser aller Mut zur Lücke

Heute weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich habe zuviel zu sagen. Zuviel will raus. Das ist schlecht. Ich neige zur Weitschweifigkeit. Am Ende weiß niemand was ich sagen wollte. Am wenigsten ich. Es bleibt das Gefühl, genau das Wesentliche nicht gesagt zu haben. Ah, manchmal ist es ein Graus mit mir.

Als ich im vergangenen Jahr damit begann, die Serie „The Handmaid´s Tale“ zu schauen, hat sie mich sofort berührt. Die Serie setzte sich im Magen fest, bildete einen Klumpen und bewegte sich nicht mehr fort. Nach zwei Folgen war mir klar, dass ich unbedingt erst einmal das Buch lesen musste. Es wurde 1985 veröffentlicht und in der Serie war die technische Ausstattung an unser heutiges Leben angepasst. Mich interessierte, wie es ursprünglich erzählt wurde. Keine Sorge, ich werde meine Leser nicht mit einer Nacherzählung des Buches oder der Serie langweilen. Es steht jedem frei, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Die nachhaltigste Erkenntnis aus Buch und Serie ist, wie schnell mit relativ einfachen Mitteln aus einer westlichen, entwickelten und gleichberechtigten Gesellschaft ein totalitäres System gebaut werden kann und die Gleichberechtigung pulverisiert wird. Die nachfolgenden Zitate sind aus Kapitel 10 des Buches „The Handmaid´s Tale“ von Margaret Atwood entnommen.

 

„We lived, as usual, by ignoring. Ignoring isn’t the same as ignorance, you have to work on it.“

So ist es heute bei uns. Wir könnten sehen, was passiert. Aber wir schauen daran vorbei. Oder besser, sehen darüber hinweg. Und das tun wir nicht, weil wir zu beschränkt sind es zu erkennen, wir wollen es nicht sehen!

 

„Nothing changes instantaneously: in a gradually heating bathtub you’d be boiled to death before you knew it.“

Es ist nicht plötzlich alles schlimmer geworden. Rückblickend ändert sich unser Umfeld schon viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. In meiner Jugend, das ist nun schon 35 Jahre her, gab es hier in der Stadt zwei Bhagwan-Diskos. Wir besuchten nur eine davon. In der anderen war das Publikum irgendwie anders, es gab häufiger Streit, die Anmache war offensiver. Es war nicht so, dass man groß darüber sprach, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Man mied den gefährlicheren Ort instinktiv.

Ein paar Jahre später feierte man Silvester gerne auf den Kölner Rheinbrücken. Eine Zeit lang war es ok, wir hatten Spaß, die Stimmung war gut. In einem Jahr, das ist jetzt gut zwanzig Jahre her, war irgend etwas anders. Die Stimmung wurde aggressiv. Die feiernden Gruppen wurden größer. Der Umgang mit Feuerwerkskörpern wurde rücksichtslos, Raketen wurden gezielt in die Menschengruppen geschossen, man wurde angerempelt und blöd angemacht. Es war wieder nicht so, dass man groß darüber sprach. Man suchte in den Folgejahren friedlichere Feierplätze auf.

2006 konnte man überall ohne weitere Gedanken zu den WM Übertragungen auf großen Plätzen gehen. Alle waren friedlich und gut gelaunt, die Stimmung war großartig. Ich kann mich nicht an viel Security erinnern. Nur 12 Jahre später kommt kein Weihnachtsmarkt ohne Betonpoller und bewaffnete Polizisten aus. Große öffentliche WM Übertragungen finden in diesem Jahr kaum noch statt. Ich habe vor ein paar Tagen einen Radiobericht gehört, in dem gesagt wurde, dass die Anforderungen hinsichtlich Security so hoch sind und das Publikum diese Events auch kaum noch nachfragen würde. Daher könne man solche Veranstaltungen nicht mehr wirtschaftlich anbieten.

 

„There were stories in the newspapers, of course, corpses in ditches or the woods, bludgeoned to death or mutilated, interfered with, as they used to say, but they were about other women, and the men who did such things were other men. None of them were the men we knew.“

Die Zeitungen sind voll, es vergeht keine Woche, in der nicht irgendein schreckliches Ereignis durch die Blätter rauscht. Und das sind nur die Ereignisse, die die Dimension der regionalen Bedeutung überschreiten, von den anderen hören wir nichts. Es sind die Töchter und Frauen anderer Leute. Und die Männer sind nicht die Männer, die wir kennen. Es sind schreckliche Einzelfälle, oft nicht einmal Morde, nur Beziehungstaten junger, ungestümer Männer, im Affekt und oft unter Drogen.

 

„We were the people who were not in the papers. We lived in the blank white spaces at the edges of print. It gave us more freedom. We lived in the gaps between the stories.“

 

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