Das Dolcefarniente in den Verwaltungen

Bis ins junge Erwachsenenalter habe ich viel Zeit bei meinen Verwandten in Süditalien verbracht. Man könnte sagen, dass ich über eine sehr spezielle Art von MiHiGru verfüge, da mein deutsches und mein italienisches Leben strikt getrennt waren. Ich erinnere mich, dass ich von den befreundeten Familien dort gerne zu bestimmten Terminen mitgenommen wurde. Das konnten Behördengänge, Arzt- oder Klinikbesuche sein. Ich wurde wie ein kleines exotisches Haustier präsentiert und im Nachhinein glaube ich, dass sich keiner der aufgesuchten Herren Dottore oder Direttore die Blöße der Inkompetenz oder Korruption vor den Augen des kleinen, blonden, blauäugigen deutschen Mädchens geben wollte, Vorgänge durch meine bloße Anwesenheit beschleunigt werden konnten und man mich daher so gerne mitnahm.

Ich erinnere mich besonders gut an einen Elternsprechtag im Gymnasium des großen Bruders meiner Freundin. Ich war wohl im Grundschulalter. Wir Mädchen trugen dunkelblaue Röcke, weiße Spitzenkniestrümpfe und die typischen dunkelblauen  Riemenschuhe mit den zwei Löchern über den Zehen.

Wir betraten ein riesiges und uraltes Gebäude, das muffig roch. Die Flure waren lang, die Decken hoch und gewölbt. Der Klassenraum war groß und kahl, das Lehrerpult aus altem abgeschabtem Holz war leicht erhöht, Tische und Bänke standen akkurat ausgerichtet (Typ Küchentisch und Holzstuhl mit Strohgeflecht). Der Herr Professore war eindeutig eine Respektsperson. Die Eltern meiner Freundin verbeugten sich vor ihm, der große Bruder wirkte plötzlich viel kleiner in dieser Umgebung. Man stellte mich vor und der Herr Professore schlug mir wohlwollend mit der flachen Hand kräftig auf die Wange.  Es gibt dort zwei Arten des Tätschelns von Kindern. Bei der einen Art wird, je nach persönlichen Sadismus und Grad der Zuneigung des Liebkosenden, ein Stück der Wange des Kindes zwischen Zeige- und Mittelfinger eingequetscht und im Uhrzeigersinn gedreht. Bei der zweiten Methode wird mit der flachen Hand die Wange getätschelt und manchmal konnte ich als Kind keinen Unterschied zur leichten Backpfeife erkennen.

Der Herr Professore ließ sich von mir berichten aus welcher deutschen Stadt ich kam, in welche Klasse ich ging und welche Noten ich in den einzelnen Fächern hatte. Dann sagte er feierlich, dass ich stolz sein solle in Deutschland zur Schule zu gehen, wo alles so ordentlich und gepflegt sei und mir richtig was beigebracht würde. In Italien wäre alles alt und kaputt und man würde nichts Richtiges lernen. Keiner hätte Geld für die Schulen und die Lehrer und das Land ginge daher vor die Hunde. Ich weiß heute nicht mehr, ob ich das Lament damals vollumfänglich und richtig verstanden habe. Ich weiß nur, dass ich stolz war und irgendwie den Rest meines Schülerlebens beseelt von der Vorstellung, dass es in Deutschland die besten Schulen gibt.

Den ersten richtigen Knacks bekam diese Vorstellung, als ich um die Jahrtausendwende zufällig an meiner alten Grundschule vorbeifuhr und sah, dass die alten Pavillons, die man bei meiner Einschulung 1974 provisorisch aufgestellt hatte, immer noch benutzt wurden.

Nun habe ich mittlerweile das zweite Kind eingeschult und ich erlebe die schulische Mangelverwaltung tagtäglich am eigenen Leibe.

  • Auch an unserer Dorfschule werden die Pavillons aus den Siebzigerjahren noch immer benutzt.
  • Die Heizungen sind so schlecht, dass in diesem Winter die Raumtemperatur im Klassenraum nicht über 13 Grad kam, weil die alte Heizungsanlage überlastet ist.  Die Sanierung der Anlage ist übrigens noch nicht geplant.
  • Die Temperaturen in der Sporthalle lagen im Winter bei 3 Grad, hier muss allerdings eine komplette Sanierung der Sporthalle erfolgen. Immerhin war der Zustand unserer Sporthalle so schlecht, dass keine Flüchtlinge untergebracht werden konnten. Was den Kindern zumindest gelegentlichen, außentemperaturabhängigen Sportunterricht ermöglichte.
  • Die einfachverglasten Fenster des Gebäudes sind so marode, dass kürzlich ein Fensterglas herausgefallen ist (aus dem zweiten Stock). Eine Sanierung der Fenster aus den Sechzigerjahren ist nicht geplant. Einige Fenster wurden neu verkittet, das muss reichen.

Ich könnte diese Liste fortsetzen und über den Zustand der Toiletten, herabfallende Deckenplatten, rostige Türen und so weiter reden. Allein, was nutzt es?

Was soll man erwarten in einer Stadt, in der die Oberbürgermeisterin Frau Armlänge-Abstand-Reker lieber öffentlichkeitswirksam gegen Rassismus schunkelt. Leider hat sie bei all der Schunkelei vergessen, für ein neu ausgewiesenes Baugebiet mit ca. 2000 neuen Bewohnern rechtzeitig eine neue Schule zu bauen oder vorhandene Schulen zu erweitern. Vom Sanierungsstau in den Schulen einmal ganz abgesehen.

Was hat die öffentliche Hand in all den Jahrzehnten mit den reichlich sprudelnden Steuereinnahmen gemacht, warum wurde nicht ausreichend in Schulen, Universitäten und Infrastruktur investiert?

Nein, werter Herr Professore, das ist kein Land und kein Schulsystem auf das man noch stolz sein kann. Das ist der blanke Horror! Und die Stümperei hat hier auch schon vor über vierzig Jahren begonnen.

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