Die Tantenrepublik

Gestern Abend habe ich zufällig in eine Dokumentation der Reihe „Future Kids“ auf BRalpha reingeschaut. Es ging darum, wie Kinder Empathie lernen. Das war interessant und in der Sache gut berichtet. Aber mir fiel etwas auf, was mich auch in meinem Alltag immer wieder irritiert: Unsere Kinder sind nur noch von Frauen umgeben. Da hilft eine Frau traumatisierten Kindern dabei, auf einem Tierhof wieder Vertrauen in Mensch und Tier zu entwickeln. Da spricht die Leiterin eines Kindergartens darüber, wie und was Kinder im Kindergarten lernen. Eine Psychologin mit Bindestrichnamen erklärt die theoretischen Zusammenhänge. Und zu guter Letzt erklären zwei tantenhafte Lehrerinnen Schulkindern Strategien zur Konfliktbewältigung und Aggressionsabbau, indem sich die kichernden Kinder beim „Ringelrangel“ unter Anleitung mit Schaumstoffknüppeln hauen.

Die Männer kommen im normalen Leben der Kinder kaum mehr vor. Wenn ein Kind keinen Vater hat, etwa weil die Eltern getrennt leben, erlebt es im überwiegenden Teil des Alltags keinen Mann mehr. Es ist umgeben von Tagesmüttern, Erzieherinnen, Apothekerinnen, Kinderärztinnen, Musiklehrerinnen, Grundschullehrerinnen und so weiter. Vielleicht steht mal ein Metzger an der Wursttheke oder der Installateur repariert den Wasserhahn. Aber es sind ganz überwiegend Frauen, die unsere Kinder nach ihren Vorstellungen formen. Das mag vielleicht gut für Mädchen sein, es ist aber sehr schlecht für Jungen.

Jungen sind anders, sie lösen Konflikte körperlich, sie können mit Perlen auffädeln und Stillsitzen meist nichts anfangen. In all unseren Einrichtungen zur Kinderbetreuung und Erziehung werden die weiblichen Eigenschaften belohnt und die männlichen Eigenschaften nicht nur bestraft, sondern als „krank“ und behandlungsbedürftig abgestempelt. In unserer Gesellschaft, die uns glauben lässt, dass Kinder nur dann zu wertvollen, gesunden Charakteren heranwachsen, wenn man sie möglichst früh in die professionellen Hände von Erzieherinnen gibt, wird Jungen von Anfang an eingeredet, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Es war genau dieses Selbstverständnis, was mich in der Dokumentation so gestört hat. Dass der Eindruck erzeugt wurde, dass Kinder in Kindergarten und Schule unter Anleitung von Frauen Empathie lernen müssen. Es wurde nur zwischen den Zeilen, ganz am Ende der Dokumentation erwähnt, dass die Familie der zentrale Faktor ist. Und dass all die professionelle Anleitung und Betreuung oft nur deshalb erforderlich ist, weil wir in unseren amputierten Kleinfamilien nicht mehr die optimalen Rahmenbedingungen für die geistige und körperliche Entwicklung unserer Kinder bieten.

All diese Professionalisierung der Erziehung ist dann obsolet, wenn Kinder mit Geschwisterkindern aufwachsen und frei und unbeobachtet mit anderen Kindern auf der Straße spielen können. Die gesellschaftliche Entwicklung macht erst aus dem ein behandlungsbedürftiges Problem, was die Natur ganz wartungsfrei konzipiert hatte.

So sind und bleiben wir im Netz der beratenden und erziehenden Industrie unserer Tantenrepublik gefangen.

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