Das Tassenproblem

Vor einigen Wochen habe ich mein Büro geräumt. Ich war einige Tage damit beschäftigt die gesammelten Werke zu sichten und den unterschiedlichen Verwendungszwecken zuzuführen. In 18 Jahren sammelt man eine Menge zusammen, Pokale für erfolgreiche Projektverläufe, Medaillen für die Teilnahme an sportlichen Firmenevents, Anstecknadeln mit Firmenlogo (magnetisch, mit Nadel, mit LED-Blinkfunktion), Werbeträger vom Fußball bis zur Spardose und anderen Krimskrams… Alles musste raus. Meine Bücher hatte ich bereits in den Wochen davor an Kollegen verteilt. Und die alten Schinken aus dem Studium habe ich entweder mit nach Hause genommen oder im Altpapier entsorgt.

Was zu verteilen blieb, waren die Haushaltsgegenstände und Lebensmittel. Ich bin etwas eigen mit meinen Sachen und würde nur im größten Notfall aus einer Tasse trinken, die aus der büroeigenen Spülmaschine kommt. Und da ich über die Hälfte meiner Wachzeit im Büro verbracht habe und die Kantine nur mittelmäßig und auch weiter entfernt war, habe ich mir die meisten Speisen mitgebracht und vor Ort aufgepeppt. Langer Rede kurzer Sinn: es gab viel zu verteilen oder mitzunehmen. Glücklicherweise passte mein Bürogeschirr zum heimischen Geschirr, so dass die paar Teller, Schüsseln und Tassen mehr im Schrank nicht groß auffielen.

Nur eine Tasse, da wusste ich so recht nicht weiter. Sie hat die Größe, die man im Café erhält, wenn man einen großen Milchkaffee bestellt. Ich habe sie schon im Büro nicht benutzt, ich fand sie einfach nur schön. Und ich mochte sie nicht heimlich in der Teeküche zurücklassen, im schmutzigen Schrank zusammen mit viel hässlichem Geschirr. Das hätte mir leid getan. Vielleicht gefiel mir auch die Vorstellung von mir, im Garten bei Sonnenschein mit einer großen Tasse Milchkaffee. Oder ein Selfie von mir, lächelnd mit Tasse, an die alten Kollegen geschickt. Wer weiß schon, was einen manchmal treibt.

Ich habe sie mit nach Hause genommen. Sie passt nirgendwo wirklich hin. Ihre Untertasse ist zu groß für den Stapel mit den normalen Untertassen. Die Tasse selbst ist zu klein für den Stapel mit den Schüsselchen, außerdem würde der Henkel stören. Eigentlich ist sie überall im Weg. Sie steht nun auf den Desserttellern, die am häufigsten benutzt werden. Der einzige Platz, wo die Tasse mit Untertasse hinpasst. Jetzt muss man sie immer hochheben, um an die Teller zu kommen und zurückstellen, bevor man die Schublade wieder schließt. Sie belastet die ohnehin schon knappe Ressource „Platz im Küchenschrank“ überproportional. Die Entscheidung, sie bei uns einziehen zu lassen, war falsch. Das weiß hier jeder. Und jeder leidet darunter. Nur die Entscheidung, die damalige Entscheidung rückgängig zu machen, die mag ich nicht treffen.

Nun ist sie halt da! Und wir werden die Schränke umräumen und einen neuen Platz für sie finden. Wir werden uns einreden, dass wir sie irgendwann einmal benutzen werden und dann, ja dann werden wir froh sein, dass wir all die Unannehmlichkeiten auf uns genommen haben.

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