Andere Länder, andere Sitten

Als ich noch jünger und abenteuerlustiger war, reiste ich allein für einen längeren Aufenthalt nach Südafrika. Ich hatte eine Sprachreise geplant und wollte, ganz klassisch, bei einer einheimischen Familie wohnen. Die einheimische Familie entpuppte sich als alleinstehende pensionierte Krankenschwester, die mich rührend umsorgte.

Die ersten Tage waren furchtbar. Das Haus mit vergitterten Fenstern, der Panic Button am Kopfende des Bettes, die eindringlichen Warnungen zum richtigen Verhalten in der Öffentlichkeit und die Telefonnummer des vermutlich einzigen vertrauenswürdigen Taxifahrers von Kapstadt in der Tasche sollten mir ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, bewirkten aber das Gegenteil. Was hatte mich nur geritten? Die Furcht verging und ein gesundes Gefühl für Gefahrenlagen entwickelte sich rasch. Am Ende meiner langen Reise konnte ich auf Fahrten im Minibustaxi, in öffentlichen Verkehrsmitteln und auch auf solche mit weniger vertrauenswürdigen Fahrern zurückblicken.

Der Lerneifer in der Schule erlosch bald und die Wochenendausflüge wurden  ausgedehnter. So machten wir in einer kleinen Gruppe von Schülerinnen aus aller Welt einen mehrtägigen Ausflug in den Karoo Nationalpark. Wir liehen uns ein Auto, das von außen einem späten Golf I ähnelte und innen mit einem bunten Sammelsurium von Golf I bis Golf IV ausgestattet war.

Unser erster Stopp führte an eine winzige Tankstelle im Nirgendwo. An der Kasse stand ein Drehständer, an dem kleine klarsichtige Tütchen mit rot-braunem Inhalt hingen. Es erinnerte mich entfernt an Ochsenziemer oder Büffelknochen. „Ach“, dachte ich, „ist ja interessant. Hundefutter an der Tankstellenkasse!“ Es schüttelte mich etwas bei der Vorstellung, wie unser Hund mir das angesabberte Ding früher als Geschenk vors Bett legte.

Der Ausflug in die Karoo Halbwüste mit ihrer kargen und farbenprächtigen Landschaft war beeindruckend. Am Abend schoben sich riesige Schildkröten über die Terrasse unserer Lodge und der Sternenhimmel war atemberaubend. Wo immer wir auf der Fahrt Stopps einlegten, fand sich irgendwo ein Ständer mit den Tütchen mit merkwürdigem Inhalt.

Wieder zurück in Kapstadt führte mich mein Weg ein paar Tage später in die Lebensmittelabteilung des lokalen Woolworth. In der Nähe der Kassen stand ein mannshoher Drehständer, an ihm befanden sich viele klarsichtige Tütchen und darin das vermeintliche Hundefutter… Biltong ist eine köstliche Spezialität, hergestellt aus Trockenfleisch. Anders als Beef Jerky wird es nicht nur aus Rind, sondern auch aus dem Fleisch fast aller dort vorkommenden Wildtiere hergestellt. An diesem Tag gab ich meine höfliche Zurückhaltung auf. Von nun an wollte ich alles wissen.

So lernte ich im weiteren Verlauf der Reise nicht nur viele leckere Speisen und Zubereitungsarten kennen, sondern auch Menschen, die mit viel Freude und großem Stolz von ihrem Land erzählten!

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