Lass das mal die anderen machen

Als ich vor rund 20 Jahren in der Bank begann, hatten wir fest angestellte Reinigungskräfte. Sie waren den Hausmeisterdiensten zugeordnet und wurden nach Tarif bezahlt. Eine Reinigungsfrau war jeweils für eine Etage des Gebäudes verantwortlich. Sie kam täglich, leerte die Mülleimer in den Büros, wischte und saugte Staub, hielt die Teeküchen und sanitären Anlagen in Schuss, kannte jeden Kollegen und hatte einen Schlüssel für jedes Büro. Wenn sie in Urlaub ging, kündigte sie es vorher an und teilte mit, wer statt ihrer in den nächsten Tagen oder Wochen käme. Sie hatte Freude an ihrer Arbeit und erledigte alle Aufgaben mit großer Sorgfalt. Irgendwann ging sie in Rente, nach fast 45 Jahren in der Bank.

All ihre jüngeren Kolleginnen wurden dann mit und mit versetzt. Ich weiß nicht wohin, sie waren einfach irgendwann weg. Statt dessen kam eine Putzkolonne. Sie trugen Kittel mit Firmenlogo. Sie bekamen keinen Schlüssel zu den Büros mehr, denn sie waren ja extern. Wer nicht im Büro war, stellte seine Papierkörbe zur Leerung vor die Tür. So musste man an manchen Tagen auf den Fluren im Slalom um den Abfall laufen.

Die Reinigungsfrauen stellten sich nicht mehr vor, manchmal kam jeden Tag eine andere Frau. Da sie nicht wusste, was die Kollegin am Vortag gemacht hatte, passierten komische Sachen. In manchen Wochen wurde täglich der Schreibtisch abgewischt, aber vier Wochen lang nicht gesaugt. Papierkörbe wurden nicht mehr regelmäßig geleert, Mülltüten nachlässig eingegangen und dadurch entstandene Verschmutzungen nicht mehr aus den Eimern gewischt, denn die nächste Kollegin würde sich schon darum kümmern. Am schlimmsten traf es die Teeküchen und Toiletten. Gelegentlich trat eine Vorarbeiterin auf, die ging mit einer Checkliste und dem Leiter der Hausmeisterdienste durch die Räume und fauchte die Frauen der Putzkolonne an. Die Angefauchten sah man danach nicht wieder, die Neuen bemühten sich ein paar Tage, dann war wieder alles beim Alten.

Nach kurzer Zeit wurde die Reinigungsfirma durch eine andere ersetzt. Mit irgendeiner dieser Umstellungen wurde die geniale Idee einer Beratungsfirma, Marketingabteilung oder umtriebigen Führungskraft umgesetzt, Nachhaltigkeit und Umweltschutz im Unternehmen ganz groß zu schreiben. Das bisherige System der täglichen Leerung beider Eimer wurde geändert. Der Theorie nach gab es nur noch trockenen Müll in den Büros, weshalb die wöchentliche Leerung genügte. Dafür wurde dann in den Teeküchen eine Batterie von Eimern (Rest, Bio, Glas, Grüner Punkt) aufgestellt. Diese Eimerbatterie in den Teeküchen wurde nach einem nicht zu durchdringenden System an verschiedenen Wochentagen geleert. Jeder Mitarbeiter sammelte seinen Apfelkitsch, den Kaffeefilter, den Joghurtbecher usw. auf seinem Schreibtisch, trug es abends zur Teeküche und verteilte es dort auf die Eimer. Alternativ gingen manche für jedes einzelne Teil zur Teeküche.

In den Sommermonaten entwickelten sich die Teeküchen zu einem olfaktorischen Gesamterlebnis. Hinzu kamen Essigfliegen, Maden, Wespen und extremst verdreckte Eimer, die keiner mehr zu berühren wagte, so dass die Deckel meist offen stehen blieben und das vorgenannte Problem verstärkten. Die Reinigungsfirmen wechselten häufiger. Ich verlor das Interesse und sah nur manchmal, wenn eine der Frauen durch mein Büro huschte, dass sich die Farbe des Kittels wieder mal geändert hatte.

Eine Unterhaltung mit den Frauen war meist nicht mehr möglich. Ihre Aufgaben waren minutiös vorgegeben, für ein kurzes Gespräch war keine Zeit. Dazu sprachen die wenigsten auch nur ein paar Worte Deutsch. Wir haben über die Jahre die eigenwilligsten Damen erlebt. Eine hatte Angst vor dem Staubsauger, sie benutzte ihn nicht. Wenn sie Krümel auf dem Teppichboden sah, fegte sie sie mit dem Handfeger aufs Kehrblech. Eine andere konnte nicht lesen. Irgendwann hatten aber alle Kollegen Hautprobleme und wir kamen darauf, dass die Seife auch schon länger so komisch roch. Sie hatte über den Zeitraum ihres Einsatzes die Handseife für die Bodenreinigung verwendet und den Toiletten- und Bodenreiniger in die Seifenspender gefüllt.

Im Gespräch mit dem „Springer“ eines Reinigungsunternehmens erfuhr ich, dass er trotz Vollzeitanstellung Aufstocker war. Die Leistungen an das Reinigungsunternehmen blieben auf den Ebenen dazwischen hängen, „ganz unten“ kam nichts mehr an. Für die Bank hat die Umstellung auf Fremdfirmen den finanziellen Aufwand für Reinigung sicher nicht reduziert.

Rein subjektiv hat die Umstellung zu einer insgesamt ungepflegteren Arbeitsumgebung geführt. Die desolate Hygiene in den Teeküchen und sanitären Anlagen hat vielleicht sogar eine Erhöhung des Krankenstandes verursacht. Ich erinnere mich an regelrechte Wellen von Magen-/Darmerkrankungen, die über die Etagen fegten. Statt das eigentliche Problem anzugehen, wurden Plakate zum richtigen Händewaschen verteilt.

Aber der größte Knaller war, dass die Müllabfuhr bei uns im Gebäude nur zwei Arten von Müll abholen kam: Restmüll und Papier. Dass heißt, das Tonnensammelsurium (und mit ihm der ganze Mülltourismus auf den Fluren) verschwand auf dem Hof in die selbe Tonne. Outsourcing und Umweltschutz im Firmenalltag sind schon eine tolle Sache, das selber Denken auf den Führungsetagen könnte manchmal helfen…

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