Treppe abwärts

Bei all der aktuellen Diskussion um Migration und Integration kann man gar nicht anders, als mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und das aus berufenem Munde verkündete mit der einen umgebenden Wirklichkeit abzugleichen.

Ich sprach schon einmal in meinem Beitrag „Trübe Aussichten“ über das Buch von Pinker. In dem Kapitel „Kinder“ führt er aus, was aus seiner Sicht Kinder prägt und was diese 50% der Intelligenz, des Charakters und des späteren Lebenserfolges von Kindern ausmacht, die sich nicht über Vererbung und familiäre Prägung erklären lassen. Er hangelt sich zur Erklärung u.a. an einer Publikation lang, die nicht umumstritten ist und die ich selbst auch noch nicht gelesen habe. Nichtsdestotrotz erscheint mir seine Herleitung so schlüssig, dass ich ihr hier mit eigenen Gedanken folgen mag.

Der Ansatz besagt, dass eine wesentliche Prägung der Kinder durch den Umgang mit anderen Kindern entsteht. Dabei ist es ein Stück weit Zufall, an welcher „Peer-Group“ sich das Kind orientiert und welche Rolle das Kind in der Gruppe einnimmt. Das ist für Eltern eine frustrierende Erkenntnis, folgt daraus doch, das all die musikalische Früherziehung und Chinesisch für´s Baby fruchtlos ist, wenn später der zwölfjährige Sohn lieber mit den Schmuddelkindern spielt. Darum geht es mir aber an dieser Stelle gar nicht. Ich möchte vielmehr ein paar Gedanken zum Spracherwerb und der kulturellen Prägung spendieren.

„Kinder lernen das Sprechen von anderen Kindern. Fast immer ähnelt der Akzent der Menschen dem Ihrer Kindheit-Peers, nicht dem Akzent ihrer Eltern.“

(Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt, Kapitel 19, Ebook Pos. 10865)

Wenn ich mich nun umschaue, dann erlebe ich Kinder mit türkischem Migrationshintergrund, die zum Teil schon in der dritten Generation hier leben. Trotzdem haben diese Kinder oft noch einen Akzent. Zuweilen scheint es, dass der Akzent mancher Kinder sogar stärker ist, als der ihrer Eltern.

Warum verschwindet der Akzent bei manchen Kindern mit Migrationshintergrund nicht? Und das, obwohl staatlicherseits viel Energie in den frühzeitigen Kindergartenbesuch gesteckt wird und im Kindergarten auch früh auf sprachliche Defizite getestet und nachgeschult wird. Warum zeigt es bei manchen keine Wirkung?

Wir haben hier im Umfeld einen Fall, da spricht der Vater akzentfrei. Sein Deutsch ist von meinem nicht zu unterscheiden. Die Frau hat als ganz junge Frau aus der Türkei hierhin geheiratet. Das älteste Kind geht mittlerweile schon ein paar Jahre auf die weiterführende Schule, die Mutter hat aber in all den Jahren ihrer Anwesenheit in Deutschland kaum ein Wort Deutsch gelernt. Mit den Kindern wurden die ersten drei Lebensjahre nur Türkisch gesprochen, damit sie die Muttersprache gut lernen. Der Vater sagte mir damals, „Das Deutsche lernen sie später von ganz allein!“ Die Kinder kamen jeweils ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in den Kindergarten, einen leichten Akzent haben sie bis heute behalten. Soziale Kontakte zu deutschen Kindern sind auch im Kindergarten kaum entstanden. Dafür bildeten sich im Kindergarten Grüppchen, innerhalb derer nur Türkisch gesprochen wurde. Das verstehe ich, der Mensch ist bequem und eine fremde Sprache strengt an, jeder von uns sucht sich den einfachsten Weg.

Im Kindergarten ist üblicherweise von 9 – 14 Uhr Anwesenheitspflicht. Das sind fünf Stunden. Die Kinder, die schlecht oder auch Jahre später immer noch mit starkem Akzent sprachen, wurden nach meiner Erfahrung häufig nur zu diesen Kernzeiten gebracht. Danach trappelten sie mit ihren Müttern nach Hause und verbrachten die verbleibenden neun wachen Stunden vom Kindertag mit ihren Müttern, Geschwistern, der übrigen Verwandtschaft und dem Fernseher, der dank Satellitenschüssel 30+ muttersprachliche Programme ins Haus liefert.

„Wenn die Kinder ein feines Ohr für die Nuancen der Peer-Sprache entwickeln und wenn sie diese Sprache jener ihrer Eltern vorziehen, so lässt das darauf schließen, dass ihre sozialen Antennen auf die Peer-Gruppe ausgerichtet sind. Kinder von Einwanderern nehmen nicht nur die Sprache ihrer neuen Heimat auf, sondern auch deren Kultur.“

(Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt, Kapitel 19, Ebook Pos. 10871)

Wen wundert es, dass die Peer-Group dieser Kinder nicht die ist, die ihnen die deutsche Sprache und Kultur nahebringen kann? Und wen wundert es, dass diese Kinder kein Interesse an einer Kultur erwerben, die ihnen fremd ist und die sie fast nur von außen und dem Hörensagen kennen? Aus dem Buch von Judith Rich Harris zitiert Pinker:

„Kinder müssen lernen, was erforderlich ist, um bei den Gleichaltrigen Status zu erwerben. Weil Status in einer Altersgruppe ihnen dabei hilft, ihn auch in der nächsten zu gewinnen, einschließlich der Stadien des jungen Erwachsenenalters, in denen sie erstmals um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts konkurrieren.“

(Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt, Kapitel 19, Ebook Pos. 10857)

Für mich heißt das im Umkehrschluss nichts anderes, als dass da eine Generation heranwächst, die nur innerhalb ihrer Community Status erringen kann. All das Politikergequatsche von Chancengleichheit ist für diese Kinder fast schon ab dem Tag der Geburt verloren. Jedenfalls kann es im Kindergarten kaum mehr eingefangen werden. Ist das politisch wirklich so gewollt? Und was treibt Eltern dazu, ihre Kinder nicht besser aufzustellen für das Leben, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten?

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