Katzenjammer

Als ich gestern durchs Haus wirbelte und beherzt den zum Zwecke des Sonnenschutzes runtergelassenen Rolladen hochkurbelte, sah ich eine überschaubare Anzahl Nachbarn vor einem Stehtisch versammelt auf der Straße stehen. Wie sie dort standen war mir sofort klar: 16 Uhr, Deutschlandlied. Es war nicht so, dass jemand hörbar mitsang. Sie hatten einfach nur Haltung angenommen.

Haltung heißt nicht Strammstehen.

Als wir das erste Spiel von der Mannschaft in dieser WM zusammen mit Freunden geschaut haben, wurde die Hymne von allen mitgesungen. Und anschließend wurde über die Strophe gefrotzelt, die man nicht mehr singt. Die aber jeder im Kopf hat, der das Lied hört. In der lila Latzhosenzeit nannte ich ein Album von Ina Deter mein Eigen. Auf dem Cover trug sie eine lila Latzhose, vielleicht hatte ich die Schallplatte deshalb gekauft. In dem Stück „Als ich begriffen hatte“ sang sie

„Und als ich singen mußte,
von der Etsch bis an den Belt,
blieb mir das Lied im Halse stecken
bei „Deutschland in der Welt“.

Ich wusste nicht woher das kam. Ich verortete Ina Deter damals als in der DDR geboren. Das verlieh ihr als potenziell Republikflüchtlige in meinen Augen die Aura des politischen Widerstands. Und das zitierte Lied hielt ich für ein DDR Volkslied. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen, aber ohne Internet war es damals schwierig, etwas zu recherchieren. Unser Google war ein dreibändiges, leinengebundenes Lexikon aus den frühen Sechzigerjahren. Da musste man wissen, wonach man sucht. Heute gibt man in Google nur „von der Etsch“ ein und hat 375.000 Ergebnisse in 0,54 Sekunden. Heute kann niemand mehr über nichts behaupten, er hätte es nicht gewusst.

Ich habe das Ende des Spiels gestern dann im Fernsehen verfolgt. Mir war die große Ruhe auf der Straße aufgefallen, ich brauchte eine Erklärung dafür. Nicht, dass mich Fußball besonders interessiert. 2006 mochte ich die Stimmung bei den öffentlichen Übertragungen und natürlich freue ich mich immer, wenn Deutschland oder Italien gut spielen.

Gestern war alles anders. Die Ruhe nach dem Spiel war schon fast gespenstisch. Auch heute auf der Straße war es anders. So als hätten alle schnell und heimlich ihre Fahnen reingeholt. Kein Auto war mehr geschmückt. Selbst in den Geschäften waren die WM Devotionalien verschwunden. Es war, als schlichen auf einmal alle auf leisen Sohlen herum, nichts sollte an die Schmach erinnern.

Zeit zum Durchatmen. Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen! Es gibt so viele Themen die wichtiger sind. Jetzt, wo uns der Fußball nicht mehr die Sicht aufs Wesentliche verstellt, können wir wieder hinsehen auf das, was die anderen so treiben. Zum Beispiel auf die, die mit dem nachfolgenden Eid dafür angetreten sind, uns zu dienen:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“

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