Falsche Scham

Ich habe am Wochenende im Vorbeigehen mit einer Frau gesprochen, die als Mutter von drei Kindern nach dem letzten Kind nicht wieder in den Beruf zurückgekehrt ist. Sie sagte, dass sie sich öffentlich auch nach über acht Jahren noch nicht dazu bekennen kann, nicht mehr zu arbeiten. Wenn sie jemand darauf anspricht, etwa weil sie einen Arzttermin auch vormittags wahrnehmen kann oder morgens in aller Ruhe durch den Drogeriemarkt schlendert, dann sagt sie „Ich konnte mir heute freinehmen!“

Sie fand es schrecklich, dass sie so Schwierigkeiten hat, sich offen zu der wundervollen Arbeit als Hausfrau und Mutter zu bekennen. Aber sie sagte auch, dass ihr von außen so eine leichte, verständnislose Ablehnung entgegengebracht wird, dass sie sich minderwertig fühlt und sie sich regelrecht für ihr Lebensmodell schämt.

Ich habe über dieses Gespräch viel nachgedacht und dann habe ich einfach einmal nachgeschaut, was von zentraler staatlicher Stelle dazu kommuniziert wird. Mein Weg führte mich auf die Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Da findet man auf der Eingangsseite zwei menschelnde Bilder von Frau Dr. Giffey, einmal mit Senioren und einmal in einer Beratungssituation mit Frau Typ „Sozialarbeiterin“ und Frau Typ „sehr (zu) junge Mutter“ mit Kind. Dann noch ein paar krachende Reden/Appelle in Sachen „der Erzieherberuf muß attraktiver werden“, „Modernisierung der Pflegekräfteausbildung“ und „Erhöhung des Kindergeldes“.

Ich klicke mich also weiter zum Menüpunkt „Familie“ und finde dies:

Bildschirmfoto 2018-07-02 um 11.54.37Screenshot v. 02.07.2018, Seite BMFSFJ.de

Da ist jetzt auf den ersten Blick nichts dabei, was die Rollen von Vater und Mutter irgendwie neutral darstellt. Es geht entweder gleich um Familie und Arbeitswelt, also Vereinbarkeit, oder um Kinderbetreuung. Nun dachte ich, Kinderbetreuung ist ja zunächst einmal Elternrecht und -pflicht, da sollte sich vielleicht etwas finden lassen. Aber Pustekuchen, auch dort wird die Ansicht propagiert, gute Kinderbetreuung können alle, außer die Eltern:

Bildschirmfoto 2018-07-02 um 11.57.59Screenshot v. 02.07.2018, Seite BMFSFJ.de

Nachdem mir klar wurde, dass ich über das normale Menü nichts finden werde, bin ich über die Suchfunktion der Seite gegangen. Nur, wonach sollte ich suchen?

Mein erster Versuch war der Suchbegriff „Mutter“. Ich erhielt über 1500 Treffer, von denen aber nur 99 das eigentliche Wort „Mutter“ enthielten, und sich die aus dieser Teilmenge von mir gesichteten Treffer überwiegend auf ein Informationsblatt für schwangere Frauen in Konfliktsituationen (in fast allen Sprachen der Welt) oder die dem Infoblatt zugehörige Stiftung bezogen.  Ich suchte also weiter mit dem Suchbegriff „Hausfrauen“ (zwei Treffer zum Thema Elterngeld) und dem Suchbegriff „Hausfrau“ (ein Treffer). Diesen letzten Treffer habe ich mir dann einmal etwas näher angeschaut. Es handelt sich um die Zusammenfassung des zweiten Gleichstellungsberichtes der Bundesregierung, Stand November 2017, damals war noch Frau Dr. Barley die zuständige Ministerin. Ich war gespannt!

Es öffnen sich etwa 70 Seiten, auf denen ich mit dem Suchwort „Hausfrau“ genau einen Treffer hatte. Ich möchte nicht mehr tun, als den kurzen Abschnitt zu zitieren, der das Wort Hausfrau umgab.

„In der Bundesrepublik Deutschland haben sich staatliche Regelungen, Institutionen und Kultur lange am Familienernährer-Modell orientiert. Diesem Leitbild gemäß wird Sorgearbeit weitgehend privat, das heißt in Paar­ und Familienbeziehungen, organi­siert; ein „Alleinverdiener“ lebt hierfür in einer „Versorgerehe“ mit einer „Hausfrau“ zusammen, die die private Sorgearbeit übernimmt. Die Person, die sich der privaten Sorgearbeit widmet – meist sind es Frauen –, gerät dadurch in finanzielle Abhängigkeit von der Partnerin oder vom Partner und ist der Gefahr der Armut im Alter ausgesetzt. Da in diesem Modell davon ausgegangen wird, dass die Sorgearbeit privat geleistet wird und geleistet werden soll, bleibt die öffentliche Infrastruktur unterentwickelt, was alle anderen Lebensmodelle enorm erschwert – dar­ unter leiden beispielsweise Alleinerziehende.“

Es werden in diesem Bericht noch die Modelle „Zuverdiener-Modell“, „universelles Erwerbstätigen-Modell“ und das von der Sachverständigenkommission für Deutschland bevorzugte „Erwerb-und-Sorge-Modell“ vorgestellt.

Ich blieb verwirrt zurück. Die Zusammenfassung eines Gleichstellungsberichtes ist das EINZIGE Dokument aus dem Hause des Bundesfamilienministeriums, das das Wort Hausfrau enthält und diese Hausfrau wird in so ein muffiges Licht gerückt, mit einem „Alleinverdiener“, der in einer „Versorgerehe“ mit einer „Hausfrau“ zusammenlebt? Und dann wird das klassische Familienmodell auch noch dafür verantwortlich gemacht, dass das angeblich daraus resultierende Versagen staatlichen Handelns andere Lebensmodelle ENORM ERSCHWERT?

Wen wundert es da, dass sich Frauen in unserer Gesellschaft dafür schämen, Hausfrau zu sein und jede Familie bis zum Umfallen (oder der Scheidung) den Vereinbarkeitsschwachsinn praktiziert?

Ich kann wieder mal nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte!

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