So sind hier die Leute

Nein, hier besteht kein Zusammenhang mit dem Lied von Franz Josef Degenhardt. Und eigentlich wollte ich ja auch über die Rentenfalle schreiben, obwohl die gestrige Tagesschau auch ein gefundenes Fressen wäre. Aber heute habe ich ganz andere Sorgen. Ist euch auch schon einmal aufgefallen, dass es verstärkt Leute gibt, die keinerlei Gespür dafür haben, wann Kommunikation inopportun ist?

Wir wohnen in einem Reihenhaus. Dafür muss man geboren sein. Das ist ein wenig so wie lebenslanger Urlaub auf dem Campingplatz. Und man kann sich bemühen wie man will, man bekommt ungewollt doch immer sehr viel vom Leben der Nachbarn mit. Bisher war es aber immer so, dass alle hier ein gutes Gespür dafür hatten, wann man grüßt oder den Nachbarn in ein Gespräch verwickelt. Wenn ich etwa den Garten durchquere (also zehn Schritte mache) und nebenan sehe, wie die Nachbarin im Garten telefoniert und dabei angespannt dreinschaut, dann „sehe“ ich sie gar nicht und grüße auch nicht. Das ist die Art von nicht sehen und hören, die man bewusst machen muss ohne unhöflich sondern um rücksichtsvoll zu sein.

Nun sind vor einiger Zeit Leute hierhin gezogen, die sind so übertrieben freundlich und grüßen mich über zig Gärten hinweg, indem sie laut und durchdringend meinen Namen rufen und auch, allein durch den Tonfall, eine Reaktion erwarten. Das machen sie nun nicht nur bei mir, weil sie mich vielleicht besonders nett finden, sondern sie machen es bei jedem so. Und sie machen es auch, wenn ich gerade offensichtlich mit anderen Dingen beschäftigt bin und weder gesehen werden noch sehen will.

Heute Morgen nun bin ich fix im Nachthemd und bei strömenden Regen durch den Garten und habe dem Kind einen vergessenen Regenschirm gerade über den Zaun gereicht, als mich von hinten der mittlerweile 15 Kilo schwere Welpe mit seinen Garten-Regen-Matschpfoten anspringt und ich, ziemlich genervt, versuche die Töle abzuwehren. Und just in diesem Moment schallt es fröhlich von zig Gärten weit her „Guten Morgen UTE, na da freut sich ja einer!“

Nicht, dass der Nachbar meine missliche Lage (Nachthemd, Regen, Hund) erkannt und durch ein höfliches Wegsehen geachtet hätte. Nein, er blieb stehen, betrachtete die Szene belustigt interessiert und wartete auf den Beginn eines in so einer Situation anscheinend völlig normalen nachbarschaftlichen Smalltalks über das Wetter im Allgemeinen und junge Hunde im Besonderen.

Vielleicht wäre ich ja einfach so darüber hinweg gegangen und hätte heute über die Rentenfalle geschrieben, wenn mir nicht gerade noch etwas ganz ähnliches passiert wäre. Ich stehe auf der Straße und versuche verzweifelt mit einer Hand den nassen (s.o. Garten-Regen-Matschpfoten) Hund davon abzuhalten, einer top-gestylten fremden jungen Frau an die Beine zu springen, während ich in der anderen Hand mit spitzen Fingern die volle Hundekottüte halte. In genau diesem Moment springt eine andere Nachbarin fröhlich aus ihrem Haus auf mich zu, ruft mir schon von Weitem ihren Gruß zu und beginnt auch sogleich ein Gespräch über Hunde und Hundeerziehung und Blablablabla.

Was ist das mit den Leuten? Bin ich zu empfindlich oder ist das die Generation „ich-ich-ich“, die ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer dem inneren Drang zur sinnfreien Kommunikation nachgibt?

Hm, analoges Twittern vielleicht, ohne 140 Zeichen Begrenzung….

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