Damals war’s

Als ich gestern das Buch von Renate Schmidt und Helma Sick zurück in die Bücherei gebracht habe, ist mir so im Vorübergehen ein Bildband meiner Heimatstadt in die Hände gefallen (Walter Dick, Köln, Menschen 1945-1960). Da es Fotos der Zeit umfasst, in der meine beiden Eltern in die Stadt gekommen sind, habe ich es einfach mal mitgenommen. Den Titel ziert eine Fotografie von sechs Kindern, die in einem Hauseingang sitzen. Nur ein Kind trägt Schuhe, der Rest sitzt mit nackten, schmutzigen Füßen dort.

Ich habe das Buch gestern gleich durchgesehen. Manche Bilder rührten mich sehr und die vielen Erzählungen meines Vaters aus der Nachkriegszeit in einer völlig zerstörten Stadt wurden wieder lebendig. Kurz dachte ich, dass ich das Buch gerne früher gefunden hätte und es so noch gemeinsam mit meinen Eltern hätte anschauen können. Chance vertan…

Aber abseits dieser Sentimentalität haben mich einige Aufnahmen ans Nachdenken gebracht und mir wurde einmal mehr bewusst, wie sehr sich dieses Land verändert hat. Auf einem Bild ist eine Straßenkreuzung zu sehen, aus einem Ford Taunus heraus wird einem Polizisten von einer hochtoupierten Dame ein festlich verpacktes Geschenk gereicht. Der Polizist hat bereits die Arme voll mit anderen Päckchen und Taschen. Die Bildunterschrift lautet: „Traditionell wurden die Verkehrspolizisten auf den großen Kölner Plätzen in der Woche vor Weihnachten reich beschenkt.“

Wenn ich allein die Presse der letzten zwei, drei Wochen Revue passieren lasse, wieviele Polizisten bei Einsätzen geschlagen, getreten, bespuckt, gebissen oder beleidigt wurden, dann mag ich gar nicht glauben, was mit unserer Gesellschaft passiert ist. Wenn dazu noch der amtierende Bundespräsident auf seiner Facebook Seite Werbung für ein Konzert macht, und sei es aus noch so hehren Absichten heraus, bei dem Gruppen auftreten, die in ihren Liedtexten Gewalt gegen die Polizei propagieren, dann verstehe ich es wirklich nicht mehr.

IMG_6129