Ihr habt es nicht anders verdient!

Ich gebe es zu, wir haben uns auseinander gelebt. Die gedruckte Tageszeitung und ich sind schon seit einigen Jahren keine Freunde mehr. Dabei war einmal alles anders. Die Tageszeitung am Morgen gehörte in mein Elternhaus wie die Drehscheibe am Nachmittag und das Amen in der Kirche. Meine Mutter unterschied rigoros Menschen und solche Kreaturen, „die keine Tageszeitung lesen“. Schon früh bekam ich Artikel zum Lesen hingelegt, was ich als Kind hasste und als Jugendliche, schon aufgrund unserer unterschiedlichen politischen Grundüberzeugung, als Beleidigung meiner Allwissenheit betrachtete.

Als Studentin hatte ich natürlich die lokale Tageszeitung abonniert und auch die Zeit kam viele Jahre zusätzlich wöchentlich ins Haus. Diese faltete ich mir immer kunstvoll in ein Tagespaket, so dass ich in der Bahn ausgiebig lesen konnte, ohne meine Sitznachbarn mit der Zeitungstapete zu stören.

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das Abo der Tageszeitung kündigte. Wahrscheinlich war es, als der Erwerb des ersten Tablets, der Umstieg aufs KfZ für den Arbeitsweg und die kostenfreie Weltkompakt durch den Arbeitgeber zusammentrafen. Seither lese ich online und insgesamt breiter.  Von der TAZ bis zur Jungen Freiheit ist alles dabei. Dinge hinter der Bezahlschranke bleiben mir meist verborgen. Die wenigen Male, die ich einzelne Artikel gekauft habe, fühlte ich mich dem allgemeinen Clickbait zu Opfer gefallen.

Verlagssterben und Auflagenschwund waren mir zwar bekannt, nur wie schlimm es um die Zeitungen wirklich steht, das war mir nicht bewusst. Nun lese ich ja insgesamt viel und allein, damit mich meine Kinder auch einmal mit einem Buch sehen, kaufe ich auch gedruckte Bücher und nicht nur die eReader Ausgaben. Dieser Logik folgend habe ich mich dazu durchgerungen, wieder die Printausgabe der Tageszeitung zu abonnieren. Und dabei habe ich zur Rettung des Familienfriedens auch gleich noch die wöchentliche Kinderausgabe der Tageszeitung dazu bestellt.

Das wirklich große Erschrecken kam mit der ersten gelieferten Samstagsausgabe. In meiner Erinnerung das Highlight der Woche, mindestens ein Pfund schwer und genug Stoff zum Lesen bis Sonntagabend, kam ein dünnes Blättchen, mit wenigen Seiten Anzeigen und einem schalen Wochenendmagazin. Wenn ich mich nicht zwanzig Minuten an den Todesanzeigen aufgehalten hätte, wäre der Spass nach zehn Minuten schon vorbei gewesen. Die Zeiten ändern sich…

Nun blicke ich zurück auf ein paar mehr Tage mit der Papierzeitung im Haus und bin entsetzt. Die Themenauswahl dürftig, inhaltlich mager und lustlos zusammengeschrieben kann es nicht an frühere Ausgaben anknüpfen.

Am Freitag dann ein ganzseitiger Appell an die Mitglieder des Europäischen Parlaments, Qualitätsjournalismus eine Chance zu geben. Wortreich wird erklärt, dass hinter der journalistischen Leistung hochspezialisierte Mitarbeiter stünden, die Presseangebote populistischen Strömungen entgegen wirkten und so die Demokratie gegenüber allen Anfeindungen verteidigen würden.

Da war ich erst einmal sprachlos. Nach den letzten Wochen mit der Berichterstattung über Chemnitz, wo alle irgendwas ohne jegliche eigene Recherche blind voneinander abgeschrieben haben. Wo selbst die altehrwürdige FAZ zu einem Beitrag über die Demonstrationen ein Bild veröffentlicht, das durch geschicktes Zuschneiden einen ganz anderen Eindruck entstehen lässt. Und dies lapidar damit entschuldigt, ein Bild von AP verwendet zu haben. Da kommen sie einem ernsthaft mit „Qualitätsjournalismus“?

Ich habe auch noch ein ganz kleines Beispiel aus der Kinderzeitung. Und ich habe mich so richtig gefreut, weil es mir ermöglicht, den kritischen Lesernachwuchs zu wecken. In der Ausgabe vom vorletztem Wochenende gab es in Duda einen Artikel zum Thema Toilettenpapier. Hier wurde den Kindern in einfacher Sprache und politisch korrekt u.a. erklärt, wie man sich anderswo auf der Welt den Hintern abwischt. Und dann steht da tatsächlich „…in vielen Ländern sind auch sogenannte Bidets in den Badezimmern weit verbreitet. Das sind Waschbecken, in die man sich hineinsetzen kann“. Wer so etwas schreibt, hat wirklich keine Ahnung.

Mit dieser Art von Qualitätsjournalismus kann man sich doch nur noch den Hintern abwischen!

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