Wir Blender

An manchen Tagen komme ich mir vor, wie der einsamste Mensch der Welt. Kann es wirklich sein, dass ich so anders bin? Manchmal (wenn auch selten) kommt dann ganz plötzlich von irgendwoher ein Zeichen. Und ich lehne mich entspannt zurück, lächle in den blauen Himmel und erfreue mich an meiner Genugtuung.

Gestern war so ein Moment. Im Vorbeigehen hatte ich in der Bücherei nicht nur den schönen Bildband über Köln mitgenommen, sondern auch das Buch „Bluff! Die Fälschung der Welt“ von Manfred Lütz, das ich seither in ruhigen Momenten genieße.

Jeder, der sich in den letzten zwanzig + Jahren qualifiziert beworben hat, kennt wahrscheinlich die „Bewerbungsstrategien für Hochschulabsolventen“ und andere Werke der Bewerbungs-Coaching-Personalberatungsindustrie. Dem Jobsuchenden wird in Literatur und Seminaren eine Fülle von Tipps an die Hand gegeben, um im Bewerbungsirrsinn zu bestehen und nicht durch falsche Antworten auf blöde Fragen frühzeitig aus dem Pool der bereitwilligen Speichellecker zu fliegen. Ich fand das schon immer befremdlich. Da sitzt man dann endlich im Bewerbungsgespräch zusammen, und  die Beteiligten beleidigen gegenseitig ihren Verstand, indem brav auswendig gelernte Antworten auf realitätsferne Schwachsinnsfragen abgespult werden.

Dabei wollen doch beide Seiten feststellen, ob man zueinander passt. Sollte die wertvolle Zeit, die man in Vorstellungsgespräche investiert, dann nicht besser genutzt werden? Und letztlich hat das doch auch etwas mit Respekt voreinander zu tun.

In meinem Berufsleben konnte ich reichlich Erfahrungen auf beiden Seiten der Besetzungscouch sammeln. Der praktizierte Eiertanz blieb mir bis zuletzt fremd. Und dann lese ich gestern im Kapitel „Coachen bis der Arzt kommt“:

„Macht man sich so etwas klar, wird deutlich, dass die in Deutschland stattfindenden Bewerbungsgespräche inzwischen reine Kunstprodukte sind, deren Produzenten viel dabei verdienen, erwachsene Menschen wider Willen eine Komödie aufführen zu lassen, die vor allem eines vermeidet: dass beide Teile sich wirklich kennenlernen. Das Bewerbungsgespräch wird zur falschen Welt par excellence.“

Ganz meine Rede!

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