Herr Absurd aus Schilda macht Schule

Ich bin ja nun ein lebenserfahrener Mensch und habe hier in NRW seit den frühen Siebzigerjahren als Versuchskaninchen für das Schulwesen herhalten müssen. Lesen habe ich nach der Ganzheitsmethode gelernt und mit Hingabe grüne und blaue Dreiecke mit roten Plättchen unterschiedlicher Form in Mathe geschnitten. Leider konnte ich dann später das Einmaleins nicht richtig. Das machte aber nichts, denn für die reformierte Oberstufe sollte es reichen und Mathe konnte abgewählt werden.

Heutzutage lernen Kinder in der ersten Klasse Buchstaben in Druckschrift, die sie sich mit Hilfe einer Anlauttabelle aneignen. Daraus basteln sie sich dann Worte (Fatatak= Vatertag, Hama=Hammer, Schtol=Stuhl usw.), die sie in ihr Heft schreiben. Hierfür soll man sie sehr loben und auf gar keinen Fall korrigieren, um nicht zu demotivieren. In der zweiten Klasse streicht ihnen die Lehrerin dann gnadenlos jeden Fehler an. Plötzlich sollen sie alles richtig schreiben. Und so fangen sie noch einmal ganz von vorne an. In der dritten Klasse bringt man ihnen dann die Schreibschrift bei. Das ist aber nur eine Schmalspur Version (vereinfachte Ausgangsschrift), bei der man die Buchstaben eines Wortes nicht ordentlich aneinander schreiben kann. Egal, die bisher in Druckschrift gelernten Worte werden nun mühsam in die neue Schrift „übersetzt“. Am Ende der vierten Klasse kann kaum ein Kind ordentlich schreiben und die meisten von ihnen können nur holprig lesen.

Mit derartigen Kenntnissen und Fähigkeiten ausgestattet, werden sie auf die weiterführende Schule entlassen. Hier in NRW gibt es aktuell nur noch sehr wenig Förderschulen, keine Hauptschulen, vereinzelt Realschulen und aus allen Nähten platzende Gesamtschulen (i.d.R. moderne Gebäude mit guter Ausstattung) und Gymnasien (meist katastrophale Bausubstanz und Ausstattung). Inklusiv heißt die Devise, vor allem in Gesamtschulen, wo in einer Klasse vom Förderschüler bis zum Ausnahmetalent alle gleichermaßen ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden sollen. Kann das funktionieren? Ich habe meine Zweifel.

In einer mir bekannten Schule wurde nun das Lernsystem umgestellt. Man möchte die Schüler so noch besser fördern. Hierfür wurde in den Hauptfächern jeweils eine Wochenstunde gestrichen und täglich eine variable Stunde als sog. Lernbüro eingeführt. Diese Lernbüros suchen die Kinder (ab der fünften Klasse) selbstständig auf und entscheiden dann nach Lust und Laune, in welchem Hauptfach sie sich anhand eines Lernbausteins neuen Stoff aneignen möchten. Ein Lernbaustein kann sich schon einmal über zehn Stunden bzw. Wochen ziehen und es gibt ihn in bis zu drei Schwierigkeitsstufen. Die Schüler verbringen die Zeit dann in Stillarbeit, während sie von einem Fachlehrer beaufsichtigt werden. Die Dokumentation erfolgt für jeden Schultag, inklusive Selbsteinschätzung (Smiley), Lehrkörperparaffe und wöchentlicher Kenntnisnahme durch die Eltern.

Wenn in einem Lernbüro 25 Kinder anwesend sind, wird die Tür geschlossen. Dann muss sich das Kind einen anderen Raum suchen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich die konkrete Situation vorzustellen. Beliebte Lehrer sind sofort „voll“ und die Suche nach einem anderen, freien Raum bei einem weniger beliebten Lehrer kann schon einmal 10 Minuten der Stunde beanspruchen.

Die Fachlehrer sitzen deshalb in den Räumen, damit sie Fragen der Kinder fachkompetent beantworten können. ABER genau hier hat Herr Absurd aus Schilda sein Meisterstück abgeliefert: BEVOR die Schüler eine Frage stellen können und diese beantwortet wird, muss ein Fragebogen abgearbeitet werden

 

  1. Mir fehlt Material (Buch, Lineal, Bleistift). > Mache weiter bei Punkt 5

oder

  1. Ich habe eine Frage zur Aufgabenstellung. > Mache weiter bei Punkt 2
  2. Ich habe die Aufgabenstellung noch einmal sorgfältig und gründlich gelesen.
  3. Ich habe mir aktiv Hilfe gesucht und auf „Hilfeseiten“ nachgeschaut: Im Buch/Wörterbuch/Formelsammlung.
  4. Ich habe noch einmal versucht, die Aufgabe mit den entsprechenden Hilfeseiten zu bearbeiten.
  5. Ich komme immer noch nicht klar und habe folgende Frage: > bitte auf Rückseite notieren.
  6. Ich werde jetzt meinen Fragezettel aufs Lehrerpult legen. Ich arbeite dann an einer anderen Aufgabe weiter, bis meine Frage geklärt ist. Ich weiß, dass meine Frage eventuell heute nicht geklärt werden kann.
  7. Wenn meine Frage heute nicht geklärt werden kann, Hefte ich meinen Fragezettel in meine Bausteinmappe, damit ich sie im nächsten Lernbüro klären kann.Datum/Unterschrift Schüler und Lehrkraft

 

Ich schätze, dass für etwa die Hälfte der anwesenden Kinder bereits das Lesen der Lernaufgabe und des Fragezettels eine größere Herausforderung ist. Wer diese Hürde überwunden hat, soll seine Frage schriftlich auf der Rückseite des Zettels notieren und erhält dann vielleicht heute, vielleicht auch erst nächste Woche von diesem, oder dann eben von einem anderen Lehrer eine Antwort.

Schule 2018 in Absurdistan!

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Mit freundlicher Genehmigung von K. Petersam