Ein totes Pferd noch besser reiten

In den letzten Tage war ja das Thema Kaufhof/Karstadt in aller Munde. Heute war dann in der Tageszeitung ein größerer Artikel über die Probleme des stationären Handels und welche Konzepte diskutiert werden. Und im Wirtschaftsteil stand, dass H&M Ware im Wert von 3,5 Mrd. Euro (!) vernichten wird und nicht so recht weiß, warum der Umsatz weg bricht. Ein wenig kommen mir diese ganze Diskussionen vor, wie diese Präsentation „ein totes Pferd zu reiten“, die in den Büros und Amtstuben umhergeht. Niemand will einsehen, dass ein großer Teil des stationären Handels ein totes Pferd ist.

In meinem Heimatdorf wird aktuell das Betongesamtkunstwerk aus den Siebzigerjahren abgerissen, das die längste Zeit ein Kaufhaus mit Lebensmittelabteilung beheimatete. Wenn ich mich recht erinnere, hat man für den Bau die eigentliche Hauptstraße des Ortes zur Fußgängerzone gemacht. Dann hat man eine aufwändige Umgehungsstraße gebaut, die über die Jahre mehrfach modifiziert und erweitert werden musste. Nach der Pleite des Kaufhausbetreibers hat man alles Mögliche versucht. Am Ende war es ein 1-Euro-Shop über mehrere Etagen, der aber schon vor längerer Zeit geschlossen wurde. Die kleinen Händler am Ort haben sich beschwert, kein Kunde verirrte sich mehr in ihre Läden. Das Parkdeck des Kaufhauses war heruntergekommen und gesperrt, der Aufzug außer Betrieb. Zum Erreichen der übrigen Parkflächen mussten Treppen in Höhe von drei Etagen überwunden werden. In einer alternden Gesellschaft eine unüberwindbare Hürde für die zahlungskräftigste Kundschaft. Das Ende vom Lied: die Hauptstraße kommt mit Parkplätzen zurück und kleine Geschäfte des täglichen Bedarfs finden wieder Raum.

Wenn ich hier aus dem Fenster schaue, dann kommen täglich viele, viele Paketdienste in unsere kleine Straße. Fast jedes Haus wird täglich beliefert. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal jemanden hier in der Straße mit den typischen großen Einkaufstaschen eines Stadtbummels gesehen habe. Die Veränderung des Einkaufsverhaltens der Nachbarschaft erkennt man alle zwei Wochen, wenn die Papiertonnen zur Leerung am Straßenrad stehen. Die Tonnen sind zum Bersten gefüllt. Was zu groß ist für die Tonne oder zu dick zum Zerreißen, steht daneben. Zalando und Amazon in, Samsung neben der Tonne, so sieht es hier aus.

Es tut mir leid für all die Verkäufer, Dekorateure, Lagermitarbeiter und Verwaltungsmitarbeiter der Einzelhandelsunternehmen. Aber ihre Arbeit wird nicht mehr im früheren Umfang gebraucht. Sie ist nicht wirklich weg, es hat sie nur jemand anderes. In riesigen Zentralen der großen Onlinehäuser irgendwo im Ausland oder auf der grünen Wiese, in den regionalen Verteilzentren der Logistiker und eben auch in den ganzen kleinen und großen Fahrzeugen, die uns täglich begegnen. Dazu in der Verpackungsindustrie und der Entsorgung. Das Kaufhaus geht den Gang des Webstuhls, der Dampfmaschine und des Bergbaus.

Hochinteressant finde ich in diesem Zusammenhang, dass die klassischen Versandhäuser aus ihrer Versandhandelserfahrung keine online Erfolgsgeschichte zaubern konnten. Die haben die Entwicklung einfach verschlafen. Und was sie dem Markt zu bieten hatten, war schwerfällig und kompliziert. Fast so, als sei hinter dem (oft langweiligen) Webshop das System von Nadeldruckern und Rollkarten unverändert geblieben.

Kunden, die in die Geschäfte kommen sollen, müssen heutzutage viele Hürden überwinden. Muss man hierzu noch mehr sagen, als die Stichworte: Park- und Verkehrssituation, Zustand der Bahnhöfe, der offene Drogenumschlag an den Straßen- und U-Bahnhöfen, die aggressive Bettelei und die Not der Passanten, die eigenen Habseligkeiten auf offener Straße zu beschützen? Wer sich nicht der innerstädtischen Realität aussetzen möchte, sucht dann schon lieber das modernes Einkaufszentrum auf, mit seiner Videoüberwachung, dem Sicherheitsdienst und der fragwürdigen Gemütlichkeit einer am Reißbrett geplanten „Plaza“.

Was wird die Zukunft bringen? Manchmal taucht vor meinem inneren Auge meine eigene Spielerfahrung aus Sim-City auf: Trotz aller Bemühungen ziehen die Leute weg, die Straßen und Gebäude verfallen, die Steuereinnahmen brechen ein… Ich persönlich glaube, die neue und erfolgreiche Handelskunst liegt in der Mischung, eine Art Quersubventionierung der stationären Präsenz durch Onlinehandel. Viele kleine Geschäfte scheinen dies bereits für sich entdeckt zu haben und bieten über Marketplace oder Auktion ihre Produkte überregional an. Ich bin überzeugt, dass die großen Bekleidungsmarken ihre kostspieligen Innenstadtlagen nur durch umsatzstarke Onlinepräsenzen aufrechterhalten können. Wenn man allerdings vier Riesenläden auf etwa 800 Laufmeter in der Innenstadt unterhält (z.B. H&M in Köln), braucht man sich über ausbleibenden Erfolg nicht zu wundern. Wenn ein international agierendes Unternehmen unverkaufte Ware im Wert von 3,5 Mrd. Euro vernichten muss, ist das nicht nur wirtschaftlicher Irrsinn, das ist auch ein Umweltfrevel sondergleichen!

Wo man hinschaut sitzt das hoch bezahlte Management in den Elfenbeintürmen und frohlockt beim Anblick der Powerpoints der großen Beratungsunternehmen, trifft reihenweise kostspielige Fehlentscheidungen und wird doch aus Schaden nicht klug.

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