Zahlenspiele

Ich konnte es nach dem Beitrag über die toten Pferde nicht lassen. Diese 3,5 Mrd. Euro von H&M laufen mir nach. Vielleicht auch, weil ich gelesen habe, dass unsere Flintenuschi verzweifelt nach Geld für neue Transporthubschrauber sucht. Der müssen doch bei solchen Meldungen die Augen tränen…

3.500.000.000 Euro, das ist schon eine Menge geerntete, gewebte, gefärbte und genähte Baumwolle. Von den toten Polyestern, die einmal als Mikroplastik in den Ozeanen landen werden, ganz zu schweigen. Ich habe mich gefragt, wieviele Kleidungsstücke das wohl sein mögen. Aber ich bin zu keinem vernünftigen Ergebnis gekommen. Im H&M Shop finde ich Artikelpreise von 2,99 bis 349,- Euro. Lege ich einmal den familiären Bekleidungsbestand zugrunde, kommen auf einen Wintermantel zwanzig T-Shirts, zehn Pulllis und fünf Jeans. Umgerechnet auf H&M Preise komme ich so auf einen Durchschnitt von etwa 20 Euro pro Kleidungsstück. Wenn ich mit diesem Durchschnittspreis weiter rechne, komme ich bei den 3,5 Mrd. Euro Warenwert auf 175.000.000 Teile. Lege ich einen Durchschnittspreis von 50 Euro zugrunde, etwa weil ich die besonders teuren Kleidungsstücke für eher modeanfällig und tendenziell unverkäuflicher halte als Socken und Unterhosen, sind es immer noch 70.000.000 Teile. Tendenziell würde ich bei H&M den Durchschnittspreis geringer ansetzen.

Als die Bilder von dem Brand in der Textilfabrik in Bangladesh durch die Presse gingen, gab es einige Berichte über die schlechten Arbeitsbedingungen dort. Die ausgebrannte Fabrik damals hat ja u.a. auch für H&M gefertigt. Und wenn der Stoff dort zu Shirts und Hosen zugeschnitten und genäht wird, haben ja anderswo bereits prekär Beschäftigte die Baumwolle geerntet, verarbeitet, gewebt und gefärbt. Gerade das Färben und Bleichen ist mit erheblicher Umweltbelastung und Gesundheitsgefahr verbunden. Soviel Leid für alle Beteiligten der Produktionskette, Opfer der Feilscherei um zehntel Centbeträge und am Ende landen die Sachen ungetragen im Lumpenreißer.

In meinen Zahlenspielen kam ich auf einen Turm von 875 Kilometer Höhe aus zusammengelegten und aufeinander gestapelten T-Shirts. Oder auf 17.500 Tonnen Gewicht, wenn ein einzelnes Kleidungsstück 100 Gramm wöge, was ein üblicher Wert für ein billiges T-Shirt ist.

Die 17.500 Tonnen sind aus zwei Gründen besonders interessant und zeigen die gesamte Absurdität der Fehlplanung. Dem H&M Geschäftsbericht 2017 habe ich zum Thema Recycling entnommen, dass sie 2017 17.771 Tonnen Kleidung in den Ladengeschäften ihrer verschiedenen Marken zwecks Wiederverwertung gesammelt haben. Zugespitzt könnte man sagen, dass sie sich für 2018 durch Umwidmung des Lagerbestandes ihren Recyclingplan bereits selbst erfüllt haben. Und ich habe dann noch in der Veröffentlichung der Humana Geschäftszahlen für die Jahre 2016 – 2017 gesehen, dass Humana (also die mit den Kleidercontainern, die gefühlt an jeder Straßenecke stehen) im Jahr 2017 13.595 Tonnen Kleidung gesammelt hat.

Ich weiß nicht, wie es meinen Lesern geht, aber wenn ich mir einen Berg mit 175 Mio. Kleidungsstücken vorstelle, die niemand braucht, muss ich unweigerlich an die Kartons voll mit Schreibmaschinenpapier in „Pappa ante portas“ denken. „Wird das günstiger, wenn ich gleich mehrere nehme?“

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