Da da dam dam dam dada dada dam

„En Kölle am Rhing ben ich jebore
ich han – un dat litt mir em Senn –
ming Muttersproch noch net verloore
dat is jet, wo ich stolz drop ben.
Wenn ich su ahn ming Heimat denke
un sinn d’r Dom su vür mer stonn,
mööch ich direk op Heim ahnschwenke,
ich mööch zo Foß noh Kölle jonn.“
Willi Ostermann, Heimweh noh  Kölle

 

Ich hatte einen mittleren Familienausflug organisiert, um mit drei Generationen Kölnern dem großen Mitsingen beizuwohnen. Was als Familienereignis angepriesen wurde, stellte sich in der Realität als wenig familientauglich heraus. Für die Älteren bietet die Lanxess-Arena zu wenig Komfort, die Titelauswahl sollte allen gerecht werden, wurde es aber für keinen so richtig und für uns alle war die Lautstärke schmerzhaft und unerträglich. So war es am Ende kein gemeinsames Singen, sondern ein einsames Brüllen.

Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben. Mir fiel etwas auf, das ich noch gar nicht so richtig in Worte fassen kann, das aber typisch für unsere Zeit zu sein scheint. Es wurde kölsches Liedgut aus drei Entwicklungsstufen/Reifegraden vorgetragen. Wie beim Gouda: alt/mittelalt/jung. Die alten Lieder hatten eingängige Melodien mit spitzem (oft mehrdeutigem) Refrain und erzählten kleine Geschichten des Kölner Alltags, wie die Fahrt mit dem „Möllemer Böötche“ zum Drachenfels, dem verstopften Ofenrohr der Palms in „Kutt erop“ oder dem unerklärlichen Reichtum der „Schmitze Billa“. All diesen Liedern ist gemein, dass sie einen tiefen Einblick in die rheinische Seele geben, ähnlich den Bildern von Heinrich Zille über Berlin.

Bei den mittelalten Liedern, dazu würde ich jetzt mal ganz platt alles so mit Beginn der Siebziger- bis in die späten Neunzigerjahre zählen, wurden auch noch kleine Geschichten erzählt, die die Lebenssituation der Kölner in jenen Jahren wiedergeben, wie etwa die Geschichte von der ersten Freundin oder die köstliche Darstellung rheinischer Streitkultur bei einer Frühstückspause in der Kaffeebud (gestern leider nicht gehört).

Den alten und mittelalten Liedern ist gemeinsam, dass man zuhören muss, um den feinen Witz, die Frivolität und die oft sehr subtile Gesellschaftskritik zu verstehen. Gut, wenn wir zu BAP kommen, ist die Gesellschaftskritik weniger subtil. Aber deren Musik gehört ja auch eher in die Kategorie der gesellschaftskritischen Rockmusik, zufällig auf Deutsch und dann auch noch in Mundart.

Bei der jungen Musik ist Kölle nur noch ein Gefühl. Und dieses Gefühl wird beschworen bis zum Erbrechen. Tiefsinnige Texte über den kölschen Alltag, Witz, versteckte Frivolität und Gesellschaftskritik sucht man meist vergeblich. Hier wird einem alles direkt um die Ohren gehauen, unterlegt mit hartem Bass, bierzelttauglicher Einfachheit der Botschaft und einem Refrain, der auch nach zwanzig Kölsch noch über die lallenden Lippen kommt.

Da klebt man sich ein glitzerndes Köln Tattoo auf die Wange und kann gleichzeitig mitsingen, ein Selfie für Facebook schießen, ein paar WhatsApp Nachrichten tippen und saufen bis zum Abwinken. Schöne neue Welt!

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