Altweibersommer

Als Kind der Achtzigerjahre kannte ich ja bis ins solide Erwachsenenalter hinein nur einen Kanzler. Und mal ganz davon ab, dass ich ja allein schon von Jugend wegen gegen ihn sein musste, erinnere ich mich an unglaublich viele Kohl-Witze, Karikaturen,  satirische Fernsehbeiträge und kritische Berichterstattung in der Presse. Den Witzen und Karikaturen war gemein, dass seine vermeintliche plumpe Dummheit und Unfähigkeit in den Vordergrund gerückt wurden.

Ich erinnere mich an eine Karikatur, wo er in Schürze am Bügelbrett stehend das heiße Bügeleisen wie ein Telefon ans Ohr nahm und mit „Hallo, hier Kohl?“ antwortete. Ich erinnere mich an eine Riesenschlagzeile im Kölner Express (oder der Bild) „Reden wie der Kanzler“ und eine Tabelle, mit deren Hilfe man end- und bedeutungslose Kettensätze basteln konnte, die sich trotzdem toll anhörten. Ich erinnere mich, dass jeder über „Birne“ lachte und sein Englisch in den Dreck zog. Außer in Interviews, wo man ihn mit Herr Kanzler oder Herr Dr. Kohl ansprach, was sich dann immer irgendwie fremd anhörte, sprachen alle nur von dem Dicken oder dem Kohl. Man konnte ihn sogar mit Eiern bewerfen, weil er tatsächlich bürgernah in der Öffentlichkeit auftrat.

Ihn und seine Politik zu kritisieren gehörte in jede Fernsehsendung, in jede Zeitung, an jeden Stamm- und Frühstückstisch. Ganz zu schweigen von den Bundestagsdebatten, bei denen eine damals noch existente Opposition keine Gelegenheit zur Kritik ausließ.

Danach kam Gerhard Schröder. Auch an dem rieb sich jeder, nur anders. Angefangen bei Hillu und Doris, über die teuren Anzüge und ja/nein/vielleicht gefärbten Haaren. Politisch rieb man sich auch, aber es wurde schwieriger. Er war ja auch so eine kleine Mogelpackung: Außen stand SPD drauf, innen war mehr FDP als CDU drin, wer sollte meckern und wer besser schweigen? Im Vergleich zu dem Davor und dem Danach waren die sieben Jahre seiner Regierungszeit ja auch nur ein kurzer Moment.

Und dann kam Angela Merkel.

Mir fällt auf, dass wirklich niemand Merkel-Witze erzählt. Schlimmer noch, es scheint gar keine Merkel-Witze zu geben. Und die Karikaturen halten sich in engen Grenzen. Die hängenden Mundwinkel und die Merkel-Raute, mehr ist da nicht. Thematisch immer eher als Lichtgestalt denn als Objekt der Kritik. Egal ob Zeitung, Fernsehen oder Radio, die Berichterstattung über sie ist immer zurückhaltend, kritiklos, wohlwollend. Gibt sie sich die Ehre in Interviews, wird sie vorsichtig befragt. Beinahe liebevoll lässt man sie völlig ungehindert ihren inhaltsleeren Schwachsinn ausbreiten und bedankt sich anschließend ohne weitere Nachfragen artig für das offene Wort.

Politisch ist die Diskussion ähnlich blass. Eine nichtopponierende Opposition tanzt um Gunst der Kanzlerin und gibt damit der einzigen Opposition, die zur Wahrnehmung ihrer Aufgabe bereit ist, die Bühne frei. Die politische Arbeit ist zum Beamten-Mikado verkommen: wer sich zuerst bewegt, verliert!

Übrigens kenne ich niemandem in meinem privaten Umfeld, der es wagen würde, von „der Merkel“ zu reden. Vom Grundschüler bis zum Greis (und egal welcher politischen Überzeugung) spricht ausnahmslos jeder von „Frau Merkel“. Ich kann mir diesen unglaublichen Respekt vor der Kanzlerin nicht erklären, er ist meines Erachtens politisch und auch menschlich durch nichts gerechtfertigt. Wobei das Menschliche in dieser Rolle mehr als nebensächlich ist.

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