Azzurro

Als ich nach der Elternzeit an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehrte, war in meinem Team eine komische Stimmung. Sie waren frustriert, kamen nicht weiter, irgend eine Prüfung bereitete ihnen größte Sorgen und selbst die ruhigsten Zeitgenossen fluchten laut und schimpften, was das Zeug hielt. Ich dachte damals, dass ich nur ein wenig Ordnung und Gelassenheit dort reinbringen müsse und schon liefe wieder alles wie gewohnt.

Weit gefehlt. In dem Bereich, in dem wir überwiegend prüften, hatte es einen Wechsel in der obersten Führungsebene gegeben. War unser miteinander zuvor kollegial und von gegenseitiger Achtung geprägt, begegnete man uns  nun auf den unteren Ebenen mit zurückhaltender Angst und auf den oberen Ebenen mit süffisanter Verachtung. Wir bekamen keinen unserer Punkte mehr durch. Und wenn am Ende doch etwas im Bericht stand, war es nach zig Überarbeitungen so kleingedampft, dass vom eigentlichen Mangel nichts übrig blieb. Anfangs dachte ich noch, dass es an mir liegt. Ich recherchierte noch besser, verfeinerte meine Interviewtechniken und präzisierte meine Argumentationen. Nichts half. Irgendwann in dieser Zeit der totalen beruflichen Verzweiflung sah ich eine Folge der Serie „The Good Wife“, in der die Anwälte mit ihrer Befragung in einem Unternehmen nicht weiterkamen, weil die Befragten ständig ganz merkwürdige Gegenfragen stellten oder Banalitäten infrage stellten, um so jedes Gespräch ad absurdum zu führen. Und da erkannte ich erstmals, haltet mich für blöd, aber ich erkannte, dass es nicht an mir lag (und auch gar nicht um mich persönlich ging), sondern dass Methode hinter dem Verhalten meiner Gesprächspartner stand.

Warum erzähle ich das hier? Nun, ich musste heute morgen daran denken, als ich mir Teile eines Videos zu der Anhörung vor dem Petitionsausschuss zu der „Gemeinsamen Erklärung 2018“ ansah. Konkret habe ich mir die Befragung durch Frau Dr. Rottmann angesehen. Und es war genau die Art von Befragung, die man nicht sinnvoll bestehen kann, weil das Gegenüber sich so ignorant verstellt und immer wieder ganz banale Sachen nachfragt, indem schriftlich vorliegende Satzteile (in meinem Fall damals waren es Beschreibungen der gefundenen Mängel, in der Befragung durch Frau Dr. Rottmann waren es Teile der Gemeinsamen Erklärung 2018 und deren Erläuterungen) vorliest und wissen möchte „was konkret“ damit gemeint ist.

Ich mache es mal an einem Beispiel deutlich. Es liegt die schriftliche Feststellung von mir vor: „Der Himmel auf dem Foto ist blau!“

A: Frau Petersam, äh, ja, also, sie schreiben hier, wo haben wir es, ja hier, auf Seite 3, „der  Himmel ist blau“. Also, das verstehe ich jetzt nicht. Was meinen Sie damit?
Ich: Dass der Himmel auf dem Foto blau ist!
A: Aber wie kann ich das verstehen, der Himmel ist blau, ich meine (lächelt in die Runde), was genau meinen Sie damit?
Ich: So wie ich es geschrieben habe. Der Himmel auf dem Foto ist blau!
A: Ja, das haben Sie nun schon zwei Mal gesagt, ich verstehe aber immer noch nicht, wie Sie darauf kommen (stirnrunzelnder Blick in die Runde). Ich meine, da müssen Sie schon konkreter werden.
Ich: Was soll ich konkretisieren?
A: Frau Petersam, also, äh (gespielt verzweifelter Blick in die Runde, amüsiert) stellen Sie sich jetzt nur dumm oder sind sie es wirklich?
Ich: Wollen Sie mich beleidigen?
A: Ich beleidige Sie doch nicht, antworten Sie doch einfach auf meine Fragen, dann haben wir hier doch gar kein Problem! Vielmehr beleidigen Sie mich, weil Sie mir nicht antworten wollen.
Ich: Auf welche Frage soll ich Ihnen antworten?
A: Na, also wirklich, Frau Petersam, wenn Sie das bis jetzt noch nicht verstanden haben! Also, ich mache es jetzt noch einmal extra für Sie deutlich. Was ich bisher verstanden habe ist (zählt an den Fingern die Punkte auf), dass Sie über den Himmel schreiben, dass es um ein Foto geht, und dass Sie diesen Himmel mit einer Farbe in Verbindung bringen. Aber was meinen Sie genau?
Ich: Ich habe ein Foto gemacht und auf diesem Foto ist der Himmel blau!
A: Blau, blau, blau, das treibt mich jetzt etwas um. Was für ein Blau meinen Sie denn?
Ich: Himmelblau.
A: Das ist doch keine Farbe! Und überhaupt, woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Himmelblau blau ist?

Diese Art Gespräch kann man endlos weiterführen und kommt zu keinem Ergebnis. Mich hat das immer sehr wütend gemacht. Und hilflos, was wohl auch gewollt war. Und wenn ich mir das Video von der Anhörung zur „Gemeinsamen Erklärung 2018“ anschaue, dann ist auch dort gewollt, dass die Petenten in ihrer Hilflosigkeit öffentlich vorgeführt werden.

Ich finde das traurig. Menschen, die Petitionen unterzeichnen, machen noch mit. Sie beteiligen aktiv am politischen Diskurs, ob einem das Thema nun behagt oder nicht. Es sind Menschen, die nicht irgendwo Steine werfen oder Häuser anzünden. Es sind Menschen, die sich mit ihrem Namen für eine Sache einsetzen und ich finde, diese Menschen haben verdient, von den Volksvertretern mit RESPEKT behandelt zu werden!

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