Schrikdraat

Ich erinnere mich, dass in den ersten Jahren in Süditalien der Strom häufiger ausfiel. Wenn wir dann plötzlich beim Abendessen im Dunklen saßen, schlug der Onkel mit wichtigem Gesicht mehrmals mit der flachen Hand gegen die Wand und sagte, dass der Strom so schneller wieder angeschaltet würde, weil er dem Mann im Elektrizitätswerk jetzt Bescheid gegeben hätte. Wenn die Unterbrechung länger dauerte, wurden die in jedem Raum bereitstehenden Batterielampen eingeschaltet und alles ging seinen normalen Gang. Ohne den schrillen Lärm aus dem winzigen Schwarz-Weiß-Fernseher war die plötzliche Ruhe angespannt und die Sprachlosigkeit zwischen Onkel und Tante fast schon körperlich greifbar.

Vielleicht sind es diese Kindheitserfahrungen aus angespannter Stille, hektischer Betriebsamkeit der Hausfrau und ungewohnter Erzählfreude des sonst so schweigsamen Hausherrn, die im Falle eines Stromausfalls bei mir heute noch zu einer nervösen Grundstimmung führen.

Während unseres kurzen herbstlichen Urlaubs fiel zur besten Frühstückszeit der Strom aus. Die Erwachsenen wurden unruhig, sprangen auf, kramten nach einer Taschenlampe, überprüften die Sicherungen, blickten sich ratlos an und suchten in den Fenstern der umliegenden Ferienhäuser nach Hinweisen auf die Größenordnung des Stromausfalls.

Datenroaming, geladenem Akku und ein paar Brocken der Landessprache sei Dank, führte die kurze Internetrecherche zur Erkenntnis, dass der Strom noch bis in die Nachmittagsstunden ausfallen könnte. In diesem Moment der unfreiwilligen Muße wurde mir die Abhängigkeit all unseres Komforts und der medialen Selbstverständlichkeiten vom Strom schmerzlich bewusst. Alles wonach wir streben, und was wir täglich so selbstverständlich nutzen, existierte nicht oder wäre unbrauchbar ohne Strom.

„Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand!“

Tatsächlich sind wir dafür geschaffen, ohne all den Quatsch zu überleben. Und im großen Plan unseres Schöpfers oder der Evolution, ganz nach persönlichem Geschmack, haben iPad und Kapselkaffee sicher keine Rolle gespielt. Und doch leben wir heute so, als wäre kein anderes Leben denkbar. Schlimmer noch, als wäre jede andere Art der Lebensführung unwert. Nur so ist zu erklären, dass wir unseren Lebensstandard auf die gesamte Menschheit ausbreiten wollen.

Ich erwische mich manchmal dabei, wie ich gerade die ruhigen Minuten besonders genieße. Die Minuten „ohne was mit Strom“, wie es bei uns Zuhause heißt. Ich habe kürzlich einen Gruß mit der Hand geschrieben. Am Ende war es gut eine DIN A4 Seite voll, natürlich hätte ich auch anrufen können. Ich habe es bewusst nicht gemacht. Ich habe die Zeit mit mir und meinen Gedanken genossen, war erfreut, all die Zeilen ohne Durchstreichungen und, obwohl auf unlinierter Karte, in geraden Reihen geschrieben zu haben. Mein Werk sah optisch gut aus, war gedanklich strukturiert, persönlich und zeigte meine Wertschätzung für die Menschen, denen die Zeilen gewidmet waren.

Unser hektisches, durchtechnisiertes, naturfernes Leben birgt vielfältige Risiken. Nur sind wir so in die Dauerberieselung eingewoben, dass wir nicht einmal das merken. Vielleicht wäre ja ein „stromfreier Sonntag“ im Monat ein Schritt in die richtige Richtung?  Es liegt wohl in der Verantwortung des Einzelnen, das umzusetzen, den stillen, stromlosen Widerstand gegen das Diktat unserer Zeit!

Auf einem unserer Spaziergänge im Urlaub streichelte das Kind einen Esel auf der Weide. Plötzlich schrie es laut auf und sprang wild herum. Es hatte ungewollt an den elektrischen Weidezaun gefaßt und die Lektion gelernt, die wir uns alle noch einmal bewusst machen sollten: Strom, von der Herstellung bis zur (ungebremsten und unsachgemäßen) Nutzung, ist gefährlich!

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