Das gute Gefühl

Heute Morgen stand in der Tageszeitung, dass es keinen weiteren gedruckten Otto Katalog geben wird. Mich erfüllte diese Nachricht mit Wehmut. Nicht, dass ich mich erinnern kann, wann ich den letzten gedruckten Katalog von Neckermann, Otto oder Quelle in den Händen gehalten hätte. Aber als lebenserfahrener Mensch sind mit diesen Katalogen auch alle Erinnerungen an Bedarf, Bedürfnisse und Konsum der Kindheit und Jugend verbunden.

Wenn früher eine Anschaffung ins Haus stand, was so ziemlich alles umfasste, was nicht beim Krämer, Metzger oder Bäcker erworben werden konnte und auch nicht bei C&A zu erlangen war, wurde in den dicken Katalog geschaut. In meinem Elternhaus war es der von Quelle. Man suchte das Teil des Bedarfs im alphabetischen Verzeichnis und schlug die entsprechende Seite auf. Der ausgewiesene Preis entschied, ob man sich weiter mit den Ausstattungsmerkmalen und technischen Details befasste, oder plötzlich doch keinen Bedarf mehr hatte. Der Quelle Katalog war die Messlatte für Konsumgüter. Der stationäre Handel musste immer mit dem Preis von Quelle konkurrieren und in meiner Erinnerung waren nur geringe Aufschläge dafür akzeptabel, dass etwas „nicht von Quelle“ sondern ein Markenprodukt war.

Anschaffungen waren vom tatsächlichen Bedarf getrieben. Man kaufte nur, weil man es brauchte. Nicht, weil man etwas haben wollte. Oder meinte haben zu müssen. Das ist ein gravierender Unterschied. Für unseren Geldbeutel, für die Umwelt, für unsere Gesellschaft und natürlich für die Wirtschaft, die unseren aktuellen Irrsinn dankbar bedient.

Mir sind gestern mit der Tageszeitung zwei Prospekte ins Haus geflattert, die dies nur allzu deutlich machen. Der erste war von einem Online-Shop für „Yoga & Dinge die gut tun“. Auf der ersten Seite allein 12 verschiedene Arten Yoga-Matten, jede der 12 noch in mindestens fünf verschiedenen Farben oder Designs erhältlich. Zwei Doppelseiten später neun verschiedene Yoga-Taschen und am Ende noch ein paar Tassen und Trinkflaschen, alles davon in voller Farb- und Designpalette. Das sind Dinge, die nur dem eigenen guten Gefühl und dem Online-Händler nutzen.

Der andere Prospekt war von einem Laden, für den mir kein Begriff einfällt. Es ist weder ein Möbel- noch ein Dekoladen, sondern irgendetwas dazwischen. Die Kleinmöbel und Dekoartikel sind aus allen Teilen der Welt herbeigeschafft. Die Einzelstücke (keine der in Blech gedengelten Schalen gleicht der anderen, auf keinem der feilgebotenen Sitzmöbel könnte ein Durchschnittsmensch bequem sitzen) sind schön anzuschauen, aber wofür braucht man sie? Allesamt Produkte für Menschen, die schon alles haben und doch noch so viel mehr wollen.

Der gedruckte Katalog ist bei einer satten und ausschließlich vom guten Gefühl getriebenen Kundschaft schon lange nicht mehr zeitgemäß. Der ach so individuelle Geschmack hält sich für kosmopolitisch, wechselt mehrmals pro Saison und lässt sich nicht mehr in Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter zwischen zwei Pappdeckel pressen.

Wir armen reichen Kinder unserer Zeit…

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