Milchmädchen

Die Tageszeitung, Quell morgendlicher Erregung, hat meinen Blutdruck heute mit zwei Artikeln kurzzeitig in die Höhe schnellen lassen. Beide Artikel sind mit der Schwerfälligkeit der Kölner Stadtverwaltung im Allgemeinen und der Inkompetenz der Kölner Oberwürgemeisterin im Besonderen verbunden.

Der traurige Anlass zuerst. Nina wies uns vor zwei Tagen auf Geruchsbelästigung im südlichen Innenstadtbereich hin. Ursache war ein Häuserbrand, bei dem zwei Menschen starben und neben den mehr oder minder schwer Verletzten auch noch insgesamt 19 Menschen das Dach über dem Kopf und sämtliche Habe verloren haben. Das ist sehr traurig und dramatisch, keine Frage. Frau Reker machte sich am Folgetag auf und besichtige die Unglücksstelle, dankte der Feuerwehr, kondolierte den Angehörigen und versprach den Betroffenen das Kümmern der Stadt. An all dem gibt es nichts zu meckern. So sollte eine OB agieren!

Und doch konnte ich mich nicht erinnern, dass ich nach den Brandanschlägen auf zwei Frauen, der Geiselnahme mit mutmaßlichem islamistischen Motiv und dem medial sorgsam vermiedenen Wort „Terroranschlag“ am Kölner Hauptbahnhof in der letzten Woche, Frau Reker irgendwie besonders wahrgenommen hätte. Nun war ich ja im Urlaub und vielleicht habe ich nicht die ganze Berichterstattung minutiös verfolgt, aber auch die nachträglich durchgeführte Recherche hat nichts zutage gefördert. Eine Berichterstattung über Frau Reker, die den Feuerwehrleuten und Polizisten für ihren mutigen und erfolgreichen Einsatz dankt, den betroffenen Geschäftsleuten und insbesondere den verletzten und psychisch angeschlagenen Frauen ihre Anteilnahme und städtisches Kümmern verspricht, habe ich vergeblich gesucht.

Ich hätte heute gar nicht weiter darüber nachgedacht, wenn ich nicht drei Seiten später ganzseitig über „zu wenig Platz für viele Kinder“ informiert worden wäre. Da sind seit etwa drei Jahren die Geburtenzahlen im Stadtgebiet sprunghaft um 10 – 20 % angestiegen (gemessen am Stand 2014) und jeder Depp kann die Uhr danach stellen, dass diese Kinder sechs Jahre später einen Platz in einer Grundschule brauchen. Nur die Stadt Köln kriegt es nicht hin und keiner weiß, wo und wie die ersten 1500 Kinder dieses sprunghaften Anstiegs in drei Jahren unterrichtet werden sollen.

Dabei ist es ja nicht so, dass jetzt alles rosig wäre. Die vorhandenen Kapazitäten platzen aus allen Nähten, die existierenden Schulen sind marode, Sanierungen verlaufen schleppend. Mein eigenes Kind sitzt in einem verschimmelten Klassenraum, in dem man die Fenster wegen Planungs- und Baupfuschs nicht vollständig öffnen kann. Aufgrund des Raummangels verbringen Kinder auch noch den Nachmittag (also pro Schultag bis zu acht Stunden) in diesem Raum, weil dem offenen Ganztag keine anderen Räume zur. Verfügung stehen. Dabei haben wir noch Glück, die Kinder dieser Klasse dürfen in der Mensa essen, andere Klassen müssen ihre lauwarme Suppe auch noch im Klassenraum auslöffeln.

Wenn ich milchmädchenmäßig mal die 10 % Zuwachs als gleichmäßig über das Stadtgebiet verteilt annehme, dann würden das für „unsere“ Schule rund 40 Kinder mehr bedeuten, knapp zwei Klassen also. Und diese zwei Klassen wachsen Jahr für Jahr mit, der Geburtenanstieg ist unvermindert. Das sind also bei vier Jahrgängen 8 Klassen mehr.

Und dann steht dort ganz trocken „Einiges ist zwar zur Beschleunigung der Prozesse auf den Weg gebracht worden – doch zu neuen bezugsfertigen Gebäuden hat das kaum geführt.“

Der gestrige Betriebsausflug von Frau Reker, bei dem sie sich medienwirksam mit einer Drehleiter über das verkokelte Dach fahren ließ, um den Schaden aus der Luft zu betrachten, ist sympathisch und menschlich verständlich. Den betroffenen Menschen mag es helfen, ich weiß es nicht. Die Aufgaben der Oberbürgermeisterin einer Millionenstadt gehen jedoch weit darüber hinaus. Aus Sicht einer von vielerlei Unzulänglichkeiten betroffenen Kölner Bürgerin müsste Frau Reker Tag und Nacht an ihrem Schreibtisch sitzen und ihre Verwaltung zur Arbeit antreiben.

Gerne fliege ich sie auf meinem Besen über das undichte Dach der hiesigen Grundschule und über all die anderen offenen Baustellen in dieser Stadt, damit sie sich dort ein Bild vom Schaden machen kann!

Nachträglich in den letzten beiden Absätzen bearbeitet!

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