Wir haben die Wahl

Als ich vor etwa fünf Jahren einen kleinen Artikel über privat Hühnerhaltung in der Stadt las, standen meine Gedanken nicht mehr still. Es dauerte noch ein Jahr, bis ich meine Familie (und letztlich auch mich selbst) davon überzeugt hatte, dass auch in unserem Reihenhausgarten Hühnerhaltung möglich sei und die ersten fünf gefiederten Damen bei uns einzogen.

Was ich seither jedem verkünde ist, dass Hühner ganz liebe Tiere sind. Die Vielfalt ihrer Charaktere, ihre Anhänglichkeit und ihre Neugier haben mich von Anfang an beeindruckt. Und schwer zum Nachdenken gebracht.

Es ist eine Schweinerei, was wir in der Massentierhaltung mit den Tieren veranstalten. Und ich bin davon überzeugt, dass uns nur die Anonymisierung dieses millionenfachen Leids durch Einschweißen und Etikettieren von nicht mehr als Ursprungstier erkennbaren Fleischstücken, nachts ruhig schlafen lässt. Ich führe hier keine Argumentation für vegetarische oder vegane Ernährung, denn die halte ich nicht für sinnvoll. Aber die Art, wie wir tierische Lebensmittel produzieren und wie gedankenlos wir sie im Übermaß konsumieren, die stört mich massiv.

Am Wochenende war ein Artikel mit dem Titel „Herr Gratzel will sich selbst erlösen“ in der Tageszeitung. Da ich den Titel bescheuert fand, hätte ich den Artikel wohl nicht gelesen, wenn Herr Gratzel nicht auf einem der Fotos neben Hühnern gekniet hätte. Da hat sich einer aufgemacht und sich mit großer Mühe seine Ökobilanz ausrechnen lassen, festgestellt, dass sein Lebensstil weit über dem Durchschnitt CO2 produziert und beschlossen, sein Leben zu ändern. Tolle Idee, gute Umsetzung. Das muss man sich erst einmal trauen und auch leisten können, in vielerlei Hinsicht. Das erfordert Initiative und Konsequenz!

Ich lebe hier in einem Stadtbezirk, in dem bei der letzten Kommunalwahl knapp 30% der Wähler „grün“ gewählt haben. Trotzdem ist in meinem Stadtteil die SUV Quote besonders hoch, sei es als Erst- oder Zweitwagen. Hinzu kommt bei vielen für das gute „Born to be wild“-Gefühl am Wochenende noch ein Motorrad in der Garage. Für unsere Hühnerhaltung wurden wir belächelt. Die meisten finden es „ganz toll“, dass mal einer was macht. Selbst will es keiner mit Hühnern versuchen, die mindestens drei Fernreisen jährlich und der Skiurlaub sprechen dagegen. Einmal in der Woche kommt der Bio-Lieferservice in unsere Straße. Gemessen am durchschnittlichen grünen Wählerpotenzial müsste er hier 12 Häuser beliefern können. Er beliefert aber nur ein Haus.

Bei der Analyse der Wahlergebnisse der letzten beiden Landtagswahlen war sich die kritischere Berichterstattung einig darin, dass es die satte, arrivierte Mittelschicht ist, die sich mit dem Kreuzchen bei den Grünen das gute Gewissen erkauft, im täglichen Leben aber die (Umwelt-) Sau rauslässt. Etwas wohlfeiler formuliert es die Bundeszentrale für politische Bildung zu den Wahlergebnissen und Wählerschaft der GRÜNEN auf ihrer Webseite:

„Die „Verbürgerlichung“ der Grünen ist daran ablesbar, dass ihre Wähler nicht nur über die höchsten Bildungsabschlüsse verfügen, sondern auch überdurchschnittlich verdienen. Vornehmlich im Dienstleistungs- und Bildungsbereich beschäftigt, lassen sie sich sozialstrukturell den neuen Mittelschichten zuordnen … Ein überraschend hoher Anteil der Wähler versteht sich sogar als unpolitisch und präferiert die Partei vor allem aus Lifestyle-Gründen.“

Mir sind Menschen wie Herr Gratzel irgendwie lieber als die, die sich moralisch überlegen fühlen und meinem, dass mit einem Kreuzchen an der richtigen Stelle das Problem schon irgendwie ganz stylisch erledigt sei.

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