Alles Käse

1983 habe ich an meiner ersten großen Demo teilgenommen. Weil man damals, so ohne Internet, nicht einfach auf der Webseite irgendeines Verkehrsverbundes Tag, Uhrzeit, Start und- Zielort der gewünschten Reise eingeben konnte und einem sekündlich Fahrplanauskunft nebst buchbarem Onlineticket angeboten wurden, musste man sich als unwissender Teenager an jemanden wenden, der sich mit so etwas auskennt.

Der Freund einer Freundin, die auch nach Bonn zur großen Friedensdemo wollte, kannte zum Glück jemanden aus dem lokalen Jugendzentrum, der die Tickets besorgen konnte. Und so ging es durch freundliche, preiswerte und natürlich völlig selbstlose Unterstützung der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend am 22. Oktober nach Bonn.

In meinem Abteil saß ein älterer Mensch (in den Augen einer 15jährigen ist alles über 18 bereits „alt“), der die von der SDAJ beigelegten ergänzenden Friedensdemo Informationen studierte. Bei den Worten „Sternmarsch zur Russischen Botschaft“ machte er eine Geste, die ich von meinen Eltern kannte, wenn sie einem ausländischen Kellner die Schmackhaftigkeit der aufgetragenen Speisen anzeigten: Der junge Sozialist führte Zeigefinger und Daumen zusammen zum Mund und Schmatzte.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich zu irgendeiner Botschaft sternmarschiert bin oder irgendeine Rede gehört hätte. Ich habe im Wesentlichen fröstelnd auf Mauern gesessen und friedensbewegt/gerührt zugeschaut oder mit wildfremden Menschen händchenhaltend Friedenslieder gesungen. Die sozialistisch geplante Abreise war leider so gelegt, dass ich von BAP aus der Ferne nur noch „Kristallnaach“ hörte, bevor ich in meinen Zug stieg.

Meine Kinder haben ein Wimmelbuch von Ralf Butschkow, das heißt „Hier stimmt ja fast gar nichts!“: Es ein ganz normaler Morgen für Lisa. Aber gerade als sie aus dem Zimmer gehen will, hat sie das Gefühl, dass an diesem Morgen etwas anders ist. Irgendwas stimmt heute nicht. Beim Frühstück überlegt Lisa die ganze Zeit, was heute anders ist als sonst…

So ging es mir heute morgen. In der Tageszeitung war ein Interview mit Wolfgang Niedecken. Dieser hat seinerzeit die Eindrücke der 1982er Friedensdemo musikalisch so verarbeitet:

Denn was ihr logisch nennt, das nenn ich pervers,
Eure ganze Wertigkeit auch.
Mir bricht der Schweiß bei jedem Wort von euch aus
Und wenn ihr still seid, dann auch.
Was ihr „Moral“ nennt, das ist für mich Krampf,
Was ihr „normal“ nennt, das auch…

Und dann antwortet Wolfgang Niedecken 2018 nach einer Frage zu Populismus bei uns in Deutschland anschließend über die Kanzlerin „Chapeau! Wie die in der Flüchtlingsfrage, an dieser schwierigen Stelle, zu ihren eigenen Werten gestanden hat, fand ich gut.“

Was stimmt nicht in diesem Land, wenn plötzlich jemand, der vor vierzig Jahren damit begann, gegen das Establishment anzusingen und heute noch so tut als ob, das Establishment lobt? Hat derjenige seine kritische Haltung eingebüßt und ist selbst zum Establishment geworden oder hat sich das heutige Establishment um 180 Grad gedreht?

Ich verstehe es nicht. Ich sehe nur, dass all diese ehemals kritischen Geister irgendwie ihre Perspektive und ihr Feindbild beibehalten haben und doch plötzlich auf der anderen Seite stehen.

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