Morgenstund

Zeitumstellung, Phase des Irrsinns. Hat man Kinder oder Haustiere zu versorgen, beginnt mit der Normalzeit (Winterzeit) der Tag früher und der Abend später. Da gelüstet es den Haustieren mitten in der Nacht nach Frühstück und die Kinder fragen bereits am Nachmittag, was es denn zum Abendessen gibt. Mit anderen Worten: mein Tag begann um kurz vor fünf, als der Hund seiner Einsamkeit durch Jaulen Luft machte.

Nun ist der so frühe Morgen dadurch gekennzeichnet, dass lärmverursachende Aktivität im Haus der Nachtruhe der übrigen Bewohner abträglich wäre. Also schwebe ich an den Esstisch und widme mich der PRESSESCHAU. Die hat bei mir einen festgelegten Weg. Ich beginne überregional in der politischen Mitte, stelle meist fest, dass nichts von Belang in der Welt passiert ist und widme mich einer Reihe von eher konservativ ausgerichteten Zeitschriften und Blogs. Je nachdem, ob dort etwas Größeres von der überregionalen Mitte abweicht, recherchiere ich weiter oder lasse mich gleich in die kuschelige Wolke der mitte/links bis weiter-links-geht-es-nicht Berichterstattung fallen.

Während also die Welt vermeldet „Trump droht illegalen Migranten mit Schüssen“ schreibt CNN „Trump announces plan to limit asylum Seekers, says troops may shoot at rock throwers“. Ich entscheide mich dazu, den CNN Bericht zu lesen und dem Welt-Video den Rücken zu kehren, ich mag diese Videos eh nicht.

Ich surfe zur ZEIT und stelle fest, dass der einzige Artikel, der mich wirklich interessiert („Wenn deine Eltern AfD wählen, warum nicht den Kontakt abbrechen?“), hinter der Bezahlschranke liegt. Finde die Überschrift über dem USA Artikel aus der bereits vorgenannten Kategorie „unser tägliches Trump-Bashing gib uns heute“ erfreulich sachlich und komme dann bei einem ze.tt Artikel mit dem Titel „Warum Oxford Alice Weidel keine Plattform bieten darf“ an. Ich lese den Artikel quer und wundere mich im Vorbeigehen über die vielen kritischen Kommentare zur Diskursverweigerung.

Wenn man bei ze.tt ganz nach unten scrollt, werden einem noch andere Sachen angeboten, also auf zur Erläuterung: „Warum wir kein Comeback der Deutschlandfahne brauchen“. Das ist jetzt so ein Artikel aus der Kategorie „ältere ZEIT-Journalistin hat differenzierte, konservative Ansicht vertreten“ und „junge-wilde-Nachwuchs-ZEIT-Journalistin schreibt auf ze.tt was dagegen“.

Mein Querlesen endet nach dem zweiten Absatz bei dem Hinweis, dass die Trikolore nicht nur eine ästhetische Katastrophe, sondern ein fragwürdiges Symbol sei. Ich spare mir also die weiteren Gedanken der jungen Frau und scrolle auch hier direkt zu den Kommentaren. Und dort finde ich Worte wie „oh, man ist das schlecht“ oder „journalistischer Abfall“ oder „disqualifiziert sich mit jeder dahingekotzten Zeile mehr“ oder „so eine gequirlte Scheiße“ und insgesamt nur einen Hinweis des ze.tt Moderators zur Mäßigung. Mir ist schon ganz komisch und ich wähne mich in der Welt von Lisa, aus „Hier stimmt ja fast gar nichts“.

Der Morgen ist immer noch früh, der erste Kaffee fast leer und ich drifte weiter zur taz. Bei der taz finde ich selten etwas, was ich wirklich lesen möchte und was ich am Ende noch gut finde (es kommt aber durchaus vor und holt mich zuweilen aus meiner Blase raus, bin ja kein Diskursverweigerer…). Also bleibe ich an einem Kommentar zur Statistik von Paarbeziehungen hängen, der sich auf die gestrige Pressemitteilung von destatis bezieht und in der Unterzeile steht „Frauen in Heterobeziehungen haben selten einen „höheren Bildungsstand“ als der Mann“.

Hier läßt sich also die Redakteurin für Soziales und Gesellschaft im Inlandsressort darüber aus, dass ihre gerade 40 jährige promovierte Bekannte bei einer Datingplattform die Eigenschaften „gebildet“ und „promoviert“ wegen fehlendem männlichem Interesses wieder aus dem Profil genommen hat. Die taz-Dame schließt daraus, dass Partnersuche ein Horror sein kann, weil man sich selbst kleiner machen müsste um attraktiver zu wirken.

Tja, what else is new? Normalerweise macht frau mithilfe von push-up BHs und Lippenstift unscheinbare Dinge größer, um attraktiver zu wirken und der Mann zieht auf dem Profilbild den Bauch ein und trägt Schuhe mit 3 cm Absatz, wenn er die begehrten 1,80 reißt. Zwingt sie ja keiner dazu, oder? Naja, ich kann das an den Haaren herbeigezogene Gelaber leider nicht vollständig lesen, ärgere mich eigentlich schon über das Wort „Heterobeziehungen“ und grüble, wie man die Sache mit dem Bildungsstand nach Geschlecht in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nachhält. Ich scrolle also gleich wieder runter zu den Kommentaren und finde Sachen wie „das liest sich wie eine Polemik gegen die Realität“ oder „eine etwas arrogante Haltung der Autorin“. Das ist für die taz schon besonders, da gibt es selbst beim größten Schwachsinn seltenst mal Kritik, die es durch die Moderation schafft. Nennt mich heute Lisa!

Ich kann es aber nicht lassen und sehe mir dann doch noch die verlinkte Pressemitteilung von destatis an. Und was finde ich da?

Überwiegend (63%) haben in einer Partnerschaft lebenden Männer und Frauen (bei Ehepaaren 65%) in etwa das gleiche Bildungsniveau.

In gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften haben 63% den gleichen Bildungsstand, wobei bei schwulen Paaren „nur“ 60% und bei lesbischen Paaren 66% in etwa das gleiche Bildungsniveau haben.

Bei all dem statistischen Rauschen durch die Betrachtung einer Kombination aus Schul- und Berufsbildungsabschlüssen, würde ich mal so ganz plump sagen, dass unabhängig vom Geschlecht bei etwa 2/3 der Paarbeziehungen die Partner ein ähnliches Bildungsniveau haben. Herr, lass Hirn regnen!

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