der edle Helfer

Am Wochenende war in der Tageszeitung in der Rubrik „wir helfen“ ein mehr als halbseitiger Bericht über einen mittelalten, jungenhaften Mentor und seinen Schützling im Grundschulalter. Die Zeitung unterstützt über einen Verein seit vielen Jahren lokale Hilfsprojekte mit jährlich wechselndem Schwerpunkt. Hierfür werden Spenden gesammelt.

Aha, dachte ich, Weihnachten naht und die Spenden sollen reichlich fließen. Also flux einen rührenden Artikel platziert, mit „charismatischem-ideal-Schwiegersohn-Typ (Balu) und sympathisch-dunkelhäutigen-Rotzlöffel (Mogli)“ Riesenfoto garniert und all den hirngewaschenen Hilfsbereiten daheim gehen die Herzen und Portmonees auf.

Mich hat dieses klischeegeladene Geschreibsel wütend gemacht. Der lachende 35 jährige, der Kinder mag aber „leider“ noch keine eigenen hat, sagt über sich: „Mir geht es gut, ich habe einen tollen Job und möchte in meiner Freizeit auch anderen etwas geben.“ Dafür leiht er sich einmal die Woche ein Kind aus, das mit offenem Mund die vielen Knöpfe in seinem Auto bestaunt und gibt sich mal das richtig gute Gefühl des „so wäre es, ein toller Vater zu sein“. Die Kugel Eis, die er gelegentlich spendiert, kann er sich übrigens vom Projekt erstatten lassen. Na, da kann man doch mal so richtig toll sein, nicht wahr?

Der ernste Junge kehrt nach der Stunde Aufregung pro Woche wieder in seine (vermutlich) trostlose Umgebung zurück, in der die Eltern meist nicht wissen, wovon sie das nächste Paar Schuhe oder die drei neuen Bücher, die das Kind braucht, bezahlen sollen. Aber egal, unser charismatischer Mentor zeigt auch auf Dienstreisen, dass er an seinen Schützling denkt und schickt per Whatsapp Bilder aus Indien oder Afrika. Und damit der Leser nicht erst selbst nachdenkt und zu eigenen Schlüssen kommt, steht dort geschrieben: „Collins und ich leben in zwei verschiedenen Welten. Unser Austausch ist für beide von uns sehr bereichernd.“ Der Junge kommt übrigens nicht zu Wort.

Ich musste heute wieder daran denken, als ich bei Menschen vorbeikam, die zwei Pflegekinder angenommen haben. Das eine Kind ist körperlich schwer behindert. Die Eltern hegen und pflegen ihre Kinder aufopfernd und liebevoll. Sie sind für die Kinder da, rund um die Uhr, mit großem emotionalen, materiellen und auch körperlichem Einsatz. Über sie schreibt niemand halbseitige Artikel.

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