64 Dinge

Auf YouTube bin ich heute eher zufällig über einen Beitrag des Schweizer Fernsehens gestolpert, der sich mit Minimalismus befasste. Ich hatte zwar Mühe, das Schwyzerdütsch zu verstehen, bin aber trotzdem hängengeblieben.

Es wurde u.a. ein junger, dynamischer Geschäftsmann gezeigt, der nur 64 Dinge besitzt. Da er viel unterwegs ist, hat er seine Wohnung aufgegeben, nie länger als drei Tage an einem Ort, passt seine gesamte Habe in eine Reisetasche.

Das war beeindruckend, und doch eine Mogelpackung. Denn es ist ja keineswegs so, dass er nicht mehr zum Leben braucht. Er lebt davon und zahlt dafür, dass andere die Dinge für ihn besitzen. Wenn man jede Nacht im Nobelhotel verbringt, morgens, mittags und abends in gehobener Umgebung speist und dazwischen in Cafés oder Businesslounges mobil seine Arbeit tut, dann braucht man all den schnöden Tand nicht. Kein Bett, keine Nachttischlampe, keine Müslischale, keine Suppenkelle, kein Klopapier und auch keinen eigenen WLAN- Router.

Eine andere Person lebt in einem 35 qm Haus, das sie selbst entworfen hat. Das Haus ist mobil, lässt sich mit geeignetem Fundament hier und da aufstellen und braucht nicht mehr als einen Wasseranschluss. Auch hier eine sehr aufgeräumte Person in ebensolcher Umgebung, persönlicher Besitz reduziert auf das Minimum. Aber auch hier ein Lebensmodell, dass keine Sesshaftigkeit und Familie vorsieht.

Ich hänge der Idee, das Gerümpel des Alltags zu reduzieren, durchaus an. Über die Jahre habe ich mehrfach große Wegwerf- und Aufräumaktionen durchgeführt. Habe tonnenweise alte Briefe, Erinnerungsstücke und Schulsachen entsorgt. Habe Bücher an Freunde, Bekannte und Bücherschränke weitergegeben. Habe meinen Kleiderschrank reduziert und in Teilen die Idee eines „Casule Wardrobe“ umgesetzt. Und bin doch mit all dem regelmäßig an der Veränderlichkeit des Lebens gescheitert.

Die vorgenannten Lebensmodelle passen nicht zur Lebensrealität der Mehrheit, zu der auch ich mich zähle. Und damit bleiben solche Berichte leider auf der Ebene des „ach schau mal an, gute Idee aber zu exotisch!“ Das ist schade, denn eine Beschränkung im „Haben“ täte uns gut. In dem Bericht gab es noch andere Töne. Dazu gehörte ein junger Mann, der als „Aufräum-Coach“ arbeitet. Er schreibt Bücher, hält Vorträge und man kann ihn für zu Hause buchen. Dort begeht er die Wohnung und unterstützt den Wohnungsinhaber beim Aufräumen.

Doch auch hier fehlt das ganz Entscheidende: Aufräumen und Trennen (i.S. von Weggeben oder Wegwerfen) ist nur der eine Schritt. Die Beschränkung im Erwerb ist der andere. Das ist die wahre Kunst, die in dem Beitrag wie auch in den Büchern und Zeitungsberichten, die zu dem Thema veröffentlicht werden, zu kurz kommt. Denn die entbehrlichen Anschaffungen von heute sind der Müll von morgen!

Wie schafft man es, den Verlockungen des Neuen, Schönen, und vermeintlich Nützlichen zu widerstehen?

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