Der soziale Druck aufs Zeichen

Als ich letzte Woche in der Bibliothek war, um das Buch „Die Getriebenen“ zurückzugeben, habe ich im Vorbeigehen das Buch von Timothy Snyder „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ mitgenommen. Eigentlich wollte ich gar kein neues Buch mitnehmen, weil ich hier noch zwei liegen habe, die ich dringend lesen möchte  („Warum schweigen die Lämmer?“ und „Die Wiedergutmacher“) und daher keine Zeit für noch mehr Lesestoff habe. Es sind aber nur gut 120 Seiten und irgendwie fand ich es so reißerisch interessant, dass ich es einfach mitnehmen musste.

Vielleicht habe ich es auch mitgenommen, weil die Lektion 9, die ich zufällig aufschlug, besagte, dass man freundlich zur Sprache sein, Schlagworte und Phrasen vermeiden und Bücher lesen solle.

Ich war ein wenig überrascht, weil der Herr Snyder aus der Kombination von historischem Background und Alltagsbeobachtungen soviel Wahres ableitete und am Ende aus meiner Sicht doch die falschen Schlüsse zog. Aber das führe ich darauf zurück, dass ein amerikanischer Autor über das heutige (politische) Amerika geschrieben hat und für den Durchschnittsdeutschen (also mich) nicht alles so nachvollziehbar ist.

Wie auch immer, einige der Lektionen sprechen mir aus der Seele („Nimm Blickkontakt auf und unterhalte dich mit anderen“), einiges versuche ich schon länger („Frage nach und überprüfe“) und manches hat mich in der Vergangenheit bereits an meine Grenzen gebracht („Denke an deine Berufsehre“).

Der kleine Sohn brachte dann am Freitag das Klassenmaskottchen mit nach Hause. Ein zerlumptes Kuscheltier, mit dem die Kinder am Wochenende „etwas unternehmen“ sollen, was darauf hinausläuft, dass Eltern damit beschäftigt sind, blödsinnige gestellte Szenen zu fotografieren und diese anschließend ausgedruckt in ein spezielles Heft zu kleben, damit das Kind mittels „Schreiben nach Gehör“ die passende Geschichte darunter krakelt.

Dank des Heftes wissen wir nun, wie aufgeräumt es in den Wohnzimmern der anderen Eltern aussieht, welches Kind Golf oder Klavier spielt und, dass selbstverständlich jedes Kind jeden Tag 10 Minuten liest, genau wie es von der Lehrerin gewünscht wird!

Meine Kinder schauten beim freitäglichen Kaffeeklatsch das Heft durch und stellten fest, dass das Klassenmaskottchen wohl in jedem Kinderbett gelegen hatte und bei jedem Frühstück, Mittag- oder Abendessen ein Käsebrot ins Maul gedrückt bekam (immer Vollkorn). Gemeinschaftliches Ekeln war angesagt und es folgte der Beschluss, dass das Kuscheltier zu waschen sei. So lag es dann bis Sonntagnachmittag unbeachtet auf der Waschmaschine.

Solcherlei Dinge sind stets Hausaufgaben für die Eltern, nicht für die Kinder. Aber mal ehrlich, meine Grundschulzeit endete 1978, wie kommt eine Lehrerin auf die Idee, mir Hausaufgaben aufzugeben? Was folgte war eine kurze Beratung innerhalb der Familie. Mein Vorschlag war, dass ich in das Heft schreibe, dass mein Sohn das Klassenmaskottchen blöd findet und ich auch keine Lust hätte, mir etwas aus den Fingern zu ziehen („Setze ein Zeichen! Jemand muss es tun. Es ist leicht, mit den anderen mitzulaufen. Es kann ein eigenartiges Gefühl sein, etwas anderes zu tun oder zu sagen. Aber ohne dieses Unbehagen gibt es keine Freiheit….“)

Man mahnte mich allerdings zur Mäßigung, wäre doch meine Weigerung der künftigen Leistungsbeurteilung des Sohnes durch die Lehrkraft abträglich.

Also kniff ich. Fast. Ich gab dem Hund das Kuscheltier, machte ein paar lustige Bilder, wie er es herzhaft biss und beschlabberte, fakte ein Bild in der Waschmaschine und hängte das arme Viech für ein weiteres Bild auf. Die von meinem Sohn beigesteuerten Texte lauteten „Spiel mit dem Hund“, „Karussell“ und „Folter auf der Leine“.

Was könnte besser hierzu passen, als dieses heute auf der Seite von Michael Klonovsky in völlig anderem Zusammenhang gefundene Zitat: „Die Frau weicht nicht vor einer Idee zurück, sondern vor dem sozialen Druck einer Idee.“

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