die leidige Kultur

Als ich gestern im Weihnachtsvorspiel einer Flötenklasse saß, wurde als letztes Stück von allen Kindern gemeinsam „Alle Jahre wieder“ angestimmt. Das Spiel in einer großen Gruppe ist schwer, jedes Kind hielt sich tapfer an seine Noten, aber ein gemeinsames Lied wurde nicht daraus. So setzte sich die Leiterin der Musikschule ans Klavier und forderte die Zuhörer zum Mitsingen auf.

Erst am roten Faden des Gesangs fanden auch die Flöten schnell zusammen und es war ein wunderschöner vorweihnachtlicher Moment den wir alle miteinander in diesem kleinen Konzertraum der alten, muffigen Dorfschule erlebten.

Die Vorweihnachtszeit mit ihren Ritualen, die jedes Jahr wieder hervorgeholten Dekoartikel, das Anzünden der Kerzen, der Geruch des Weihnachtsgebäcks und die gespannte Vorfreude der Kinder. All das ist ein winziger Teil meiner vielfältigen Kultur.

Insofern stimme ich mit Frau Özoguz überein, deren Zitat aus dem Interview im Tagesspiegel meist auf die Sache mit der deutschen Sprache verkürzt wird. Was sie auch gesagt hat, die Anerkennung der Vielfalt und dass jedes inhaltliche Füllen von Leitkultur zu einem Klischee des Deutschseins würde, wird gerne unterschlagen.

Als echte Kölsche gehören Blut- und Leberwurst zu meiner regionalen Kultur. Vielleicht verfolge ich deshalb das Thema mit besonderem Interesse: Nachdem am Buffet der letzten Islamkonferenz auch Blutwurst gereicht wurde, sind die Gazetten voll mit Kommentaren. Alle sind sich irgendwie einig, dass das bisschen Blutwurst nicht so schlimm war, weil ja noch anderes gereicht wurde und niemand zur Blutwurst gezwungen wurde. Aber in jedem von mir gelesenen Kommentar bekennt sich der jeweilige Autor entweder zu seiner persönlichen Abneigung gegenüber Blutwurst oder merkt mindestens an, dass auch viele Deutsche Blutwurst nicht mögen.

Warum scheint überall dieses anbiedernde Bedürfnis durch, sich von Teilen seiner Kultur distanzieren zu müssen? Kann man Blutwurst nicht einfach als traditionelle Speise stehen lassen? Es ist etwas, was ich überall beobachte. Es fehlt den Menschen an Mut, sich zu bekennen und es fällt anscheinend jedem leichter, sich von etwas zu distanzieren. So kann man sich selbst prächtig hinter all dem verstecken, was man nicht ist, nicht will und nicht mag.

Und das ist auch das Problem mit dem inhaltlichen Füllen einer Leitkultur. Wir sind so darauf dressiert, negative Ziele zu formulieren, dass wir vor lauter „so sind wir aber nicht“ uns selbst nicht mehr erkennen.

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