Zeitraffer

Jonas ist tot. Er starb gestern Abend nach einer letzten wackeligen Runde durch die untere Etage seiner Junggesellenwohnung.

Hamster kommen mit einem Verfallsdatum in ihre Menschenfamilien, und man weiß ab Einzug ziemlich genau, wann der letzte Atemzug durch das knopfäugige Tier huscht. Unser Jonas war nun 2 Jahre und zwei Monate alt und in den letzten Wochen änderte er sukzessive sein Verhalten. Der fröhliche Lärm im Haus und die allgemeine Unruhe wurden ihm zusehends lästig. Entgegen seiner Gewohnheiten kam er abends nicht mehr heraus, um das Frischfutter und die Zuneigung seiner Menschen am Türchen in Empfang zu nehmen.

Die bisherige penible Ordnung in seiner Maisonette wich einem nachlässigen Chaos. Nahrungsmittel wurden nicht mehr sortiert in der üblichen Kammer abgelegt, sondern lagen angebissen und lose verstreut herum. Dazwischen pinkelte er wo er ging und stand, nur die übliche Ecke blieb meist ungenutzt. In den letzten zwei Wochen wurde sein Gang zunehmend schwerfällig, der Aufstieg in die zweite Etage dauerte ewig und manchmal hatte es den Anschein, dass er zwischendurch einfach einschlief, bis die Kraft wieder reichte, um weiterzugehen.

Vor etwa fünf Tagen bemerkte ich, dass seine Bewegungen von starken Alterszittern begleitet waren. Er wirkte desorientiert und wackelte auch tagsüber immer mal wieder für eine halbe Runde durch die hohe Einstreu. Futter nahm er keines mehr an. Trinken wollte er auch nicht mehr, aber er ließ sich bereitwillig das Mäulchen befeuchten und schaute mich dabei mit trüben Blick durch seine halboffenen Knopfaugen an.

Ich begann damit, das Kind auf den kommenden letzten Moment seines Haustiers vorzubereiten. Wir überlegten gemeinsam, wie wir dem Tier bei dem aktuellen starken Frost, der ein Vergraben im Garten unmöglich macht, einen würdigen Abschied bereiten können.

Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit vor dem Käfig verbracht und das Tier beobachtet. Vielleicht mehr als in den ganzen zwei Jahren zuvor. Und was ich sah, erinnerte mich schmerzlich an die vergangenen Jahre mit den Eltern.

So ist es wohl, das Altern. Der kleine pelzige Kerl, mit seinen Knopfaugen und den kleinen rosa Pfötchen, hat es mir im Zeitraffer vor Augen geführt.

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