die Puppen tanzen

Als das kleine Kind vor ein paar Wochen anfing über eine Luxusvilla zu fabulieren, da hörte ich nur mit halbem Ohr zu. Meist vergehen die Spielzeugwunschflausen so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Diese Flause blieb. Sie zog sich penetrant und bleiern durch jedes Gespräch. Omas, Freunde und Bekannte wurden mit den unbegrenzten Spielmöglichkeiten missioniert und irgendwann sagte ich: „Dann zeig sie mir doch einmal, deine Luxusvilla!“

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich 1978 mein erstes kleines Playmobilmännchen in den Händen hielt. Es war gedacht als Stillhalteprämie für einen ungestörten Gaststättenbesuch der Eltern. Und so fuhr ich fasziniert mit der kleinen Walze über das gestärkte Tischtuch der „Falltorwache“ und harkte mit der kleinen grauen Harke Krümel der zerbröselten Bierfilze zusammen. Ein paar Tage später nutzte ich den unbeobachteten Nachmittag, um einen Eimer voll mit feuchtem Sand vom Spielplatz in mein Kinderzimmer in der fünften Etage zu schleppen. Sorgsam schüttete ich auf einer aufgeschnittenen Plastiktüte eine Straße auf, die mein einzelnes Männchen bis zum Eintreffen der fassungslosen Mutter stundenlang walzte.

Bildschirmfoto 2019-02-05 um 11.17.26Screenshot planmobil.de, Archiv

Das Kind zeigte mir die Villa auf der Seite von Playmobil. Auch hatte es bereits Herrn Google Preise entlockt. Nur 119,- Euro sollte der Spass kosten. Ich schluckte. So kurz nach Weihnachten und relativ lang vor Ostern oder dem nächsten Geburtstag überstieg die Anschaffung meine Ausgabebereitschaft um einiges. Das Kind richtete in Gedanken bereits die einzelnen Zimmer ein, träumte von bunten Tapeten und Rollos, druckte fleißig Bilder von Fliesen und Parkettböden aus und klebte diese einstweilen mit Tesafilm in das Haus der Ghostbusters und in die Polizeiwache. Auch Nofretete wurde in ihrer Pyramide mit einem Boden aus einem riesigen gedruckten Edelstein bedacht, auf dem sich die Grabräuber und Kamele labten und Mumien wälzten. Das große Kind  lachte; ein Puppenhaus, rosa-glitzer-Chichi, wie kann man nur!

Ich ließ mir auf YouTube-Videos zeigen, und ich war sprachlos ob der tausend Möglichkeiten. Frauen knüpften winzige kleine Teppiche, Kinder bastelten Regale mit kleinen bunten Körbchen oder kneteten winzige Muffins für ebenso winzige Etageren, es gab unzählige Videos über liebevoll eingerichtete Playmobilhäuser. Einige Playmobil YouTuber haben mehr als eine halbe Million Abonnenten, mehr als eine Million regelmäßiger Aufrufe und fertigen ihre Videos mit großem technischen Aufwand.

Ich wurde weich.

Eine vollausgestattete Villa würde neu leicht drei- bis vierhundert Euro kosten. So weich wurde ich nun doch nicht. Aber der Gebrauchtmarkt gab einiges her, man wurde handelseinig, zahlte vertrauensvoll in die Fremde und wartete sehnsüchtig auf das Paket. An einem trüben Freitag stand der Götterbote vor der Tür und brachte einen großen Staubsaugerkarton voll mit bunter Glückseligkeit aus Kunststoff.

Ich merkte schnell, dass es noch mehr Glückseligkeit bedurfte und orderte einiges nach. Ich ließ mir noch einmal die Videos zeigen und entdeckte ganz plötzlich den wahren Wert von bunt gemusterter Bastelpappe und Motivklebebändern. Ich erfuhr, was man mit knetbaren Klebepunkten alles machen kann und eine neue Vokabel zog in den familiären Sprachgebrauch ein: „Patafix“! Ich unterwies die Kinder in die Nutzung einer Schieblehre, damit die auszuschneidenden Tapetenstücke auch ganz genau passten und lehrte sie mit dem (eigens hierfür neu angeschafften) Schulwebrahmen selbstverständlich genutzte, aber fast vergessene Kulturtechniken anzuwenden.

Wir erleben seither viele Momente des gemeinsamen Bastelns und Spielens. Und ich weiß, dass diese Euphorie eines Tages vergehen wird. Unsere Familien werden verwaisen in ihren mittlerweile zwei Häusern. Ihre liebevollen Einrichtungen und Blumenbeete werden geräubert werden, vielleicht um dem Terminal des Flughafens ein wenig mehr Pep zu verleihen. Die winzigen, aus Moosgummi geschnittenen Pommes werden in irgendeiner Spielzeugkiste oder dem Staubsaugerbeutel landen und bald nur noch als leuchtend gelbe Erinnerung durch die „weißt-du-noch“ Gespräche huschen…

Aber bis es soweit ist, schleiche ich mich tagsüber ins Kinderzimmer und setze Herrn und Frau Playmo mit Sektglas und Sektflasche ins runde Bett. Ich lasse Frau Hausgast mit umgewickeltem Handtuch singend aus der Dusche treten, während ihr Mann mit Zeitung in der Hand auf der Toilette sitzt. Ich lasse die Puppen mit Freude solange tanzen, bis mein Rücken schmerzt und ich mir beim gekrümmten Aufstehen klammheimlich eingestehen muss, dass ich leider keine zehn Jahre mehr alt bin.