Murmeltiertag

Als ich Anfang Januar auf WDR2 einem Gespräch zwischen Sabine Heinrich und Ralph Sina zum Thema „Europawahl“ lauschte, wollte ich meinen Ohren nicht trauen. Ralph Sina zog polemisch und atemlos über die Gefahren einer Stärkung rechtspopulistischer Parteien im künftigen EU Parlament her. Sekundiert von Frau Heinrich malte er das Bild eines dystopischen Europas, sofern wir nicht alle zur Europawahl gingen und so die Stärkung rechtspopulistischer Parteien im EU Parlament verhinderten (also ein öffentlich-rechtlicher Aufruf, das „Richtige“ zu wählen).

Sachargumente lieferte er keine. Das einzige Argument, was mir nachhaltig in Erinnerung blieb war, dass sich ein rechtspopulistischer Block bilden würde, der Sand ins Getriebe der EU streuen und sinnvolle parlamentarische Arbeit der guten Parteien durch Blockade verhindern würde.

Ich habe dann versucht, mir dieses Gespräch über die Mediathek noch einmal anzuhören, aber es wird nicht angeboten. Einen Mitschnitt der Sendung hätte ich für 35,- Euro anfordern können. Das war mir die Sache dann doch nicht wert.

Da ich Herrn Sina seither mit größerem Interesse betrachte und in dieser Woche auch über ein wenig freie Zeit verfüge, habe ich mir einmal die Mühe gemacht und mir einiges von ihm auf YouTube, aus der Mediathek und auch aus der Presse angesehen/angehört.

Ralph Sina ist EU- Korrespondent in Brüssel und leitet dort das WDR/NDR- Hörfunkstudio. Nachdem ich gestern, ich weiß nicht mehr genau wo, einen Bericht von ihm zu Donald Trump, den geplanten Zöllen auf Stahlimporte und einem eher weinerlichen und naivem „wenn die Amis Zölle erheben, kriegen wir unseren guten Stahl nicht mehr exportiert und gleichzeitig werden wir (gemeint war Deutschland) von billigem und minderwertigem Asienstahl geflutet, da stehen auch Arbeitsplätze auf dem Spiel“ gelauscht habe, fühlte ich mich thematisch in die Vorlesungen zur Außenwirtschaft zurückversetzt und die lebhaften Diskussionen, die ich damals gerne innerhalb und außerhalb der universitären Blase führte.

Was der EU-Korrespondent da von sich gab, war fachlich banal und die unreflektierte phrasenhafte Aneinanderreihung der Stichworte führte nicht zu einer ernsthaften Schlussfolgerung. Er hat ein Staatsexamen in Germanistik & Philosophie (Laut Wikipedia auf Lehramt. Das ist also auch nur das halbe fachliche mit einer gehörigen Portion Didaktik.) und ist anscheinend direkt vom Hörsaal in den Sendesaal gestolpert.

Ich möchte ihm gar nicht absprechen, dass er in mehr als 30 Jahren über den germanistischen und philosophischen Tellerrand geschaut hat und in politischen wie wirtschaftlichen Themen tiefergehende Kenntnisse erlangt hat. In Abhängigkeit vom Medium kann er sehr wohl differenziert(er) und sachlich(er) argumentieren. Die politische Grundstimmung blitzt dann nur hier und da einmal bei der Wortwahl auf. So wurden in einem Beitrag für WDR5 die Vertreter rechter Parteien als „Truppe“ oder „diese Leute“ bezeichnet, die alles dafür tun würden, etwas zu „torpedieren“. Die Vertreter der etablierten Parteien werden von ihm als die konstruktiven Macher ins rechte Licht gerückt, die all die guten Fonds beschließen wollen, „die auch gerade NRW betreffen“.

Die Widersprüchlichkeit, einerseits die EU-Kritiker als antiquierte, tumbe Rückkehrer zur Nationalstaaterei darzustellen und dann, bei den Zöllen von Trump oder den gewaltigen Mitteln für Strukturfonds, ganz selbstverständlich die Vor- und Nachteile fürs eigene Land in den Vordergrund zu rücken, wird nicht kritisch hinterfragt. Schlimmer noch, es wird weder vom Korrespondenten noch vom Moderator als Widerspruch erkannt.

Mich stört das. Herr Sina steht damit für all die Vertreter der Medien, die ein Schreckgespenst an die Wand malen, aber nicht argumentativ den Schrecken, der davon ausgehen soll, begründen. Erst diese undifferenzierte Berichterstattung, die täglich auf vielfache Art und Weise „rechte Themen“ auf allen Kanälen ins Blickfeld rückt und zu den wirklichen Defiziten der aktuellen deutschen, wie auch der europäischen Politik viel zu laut schweigt, öffnet die Schleusentore für die orientierungslosen, an der Realität leidenden Wählerscharen in Richtung rechter und linker Ränder.

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