Die Lautlosen

Am Wochenende war ich auf einer Party. Ich bin nicht einmal sicher, ob man das in meinem Alter überhaupt noch so nennen kann. Ein Geburtstag wurde gefeiert. Die Musik und der Tanz stehen bei einem solchen Ereignis ja mittlerweile genauso im Hintergrund wie die Ansprüche an das Partyoutfit. Man trifft sich mehr zum Reden, zum Trinken und Essen.

Das Alter der Anwesenden lag zwischen Mitte vierzig und Anfang sechzig, wobei die breite Masse „um die 50“ war. Die Beamtenquote lag bei weit über 80 % und rekrutierte sich ganz überwiegend aus Juristen. Der klägliche nichtverbeamtete akademische Rest kam aus der freien Wirtschaft.

Die Gespräche blieben unverbindlich. Ein Spruch zum süffigen Wein und die geschickte Überleitung zum vorzüglichen Prosecco der kleinen Kellerei im Dorf des Ferienhauses in der Toscana. Ein paar Witze über das Töpfchen unterm Faß und ein wehmütiges Klagen über die ach so schnell vergehende Zeit. Gespräche übers Wetter und die voraussichtlichen Schneehöhen an Karneval in der Schweiz rundeten die Flut der geistigen Belanglosigkeiten ab.

Erst dachte ich, das wird bestimmt noch! Aber es wurde nur noch schlimmer. Da referierte eine ätherische Mittfünfzigerin leidenschaftlich über die Zubereitung von veganem Mett aus eingeweichten Reiskeksen, zwei ansonsten voll emanzipiert im Berufsleben stehende Durchschnittsfrauen tauschten sich in der Küche ausführlich zur richtigen Gartemperatur von Geflügel aus. Und das einzige Thema mit Tagesaktualität war der Eklat zum Doppelnamen-Gag von Bernd Stelter. Hierbei wurde allerdings der Name Annegret Kramp-Karrenbauer konsequent vermieden, um ja kein politisches Thema berühren zu müssen.

Ich trank mir noch einen Wein und bediente mich am Buffet. Am Tisch machte ich einen sarkastischen Spruch zu veganem Roastbeef, offenbar zu laut. Der Leiter einer großen Behörde, der sich in Interviews gerne besonnen aber konsequent gibt, zog den Kopf ein. Die anwesende Gattin, immer noch leidenschaftlich über das vegane Mett referierend, unterbrach den Vortrag spontan und gesellte sich zu uns. Er blitzte mich aus wütenden Augen an. Es sollte die einzige Scheibe Roastbeef für ihn an diesem Abend bleiben.

An dieser Stelle verbrannt zog ich zum nächsten Stehtisch weiter. Dort ging es dezent kritisch um das, was wir doch nun schon alles für die Flüchtlinge getan haben. Ich horchte auf. Aber noch bevor ich mich so richtig auf eine angeregte Diskussion und Einsichten in anderer Leute Ansichten einstellen konnte, merkte ich, dass es lediglich um die Rolle der Kirche ging. Nach einer kurzen Rückfrage stellte sich schnell heraus, dass alle am Tisch bereits vor Jahren aus der Kirche ausgetreten waren und man auf die Kirche drauf hauen wollte, ganz allgemein und bloß nicht konkret. So verlief auch dieser Gesprächsansatz über die kurzen Umwege Reichskonkordat, Hexenverbrennung und Missbrauchsskandal schnell im Sande.

Am nächsten Tisch traf ich auf den männlichen Teil eines Pärchens, mit dem ich bereits einmal im Theater war. Aber auch diesmal entgegnete er auf meine Frage, was er eigentlich beruflich so macht, nur geheimnisvoll mit „Politik“. Es ergab sich ein Gespräch über die marode Infrastruktur, bei dem er zugab, dass die Gelder zwar vorhanden seien, es aber nicht genug „Menschen vom Fach“ in den Behörden gäbe. So könnten die Mittel nicht konkreten Maßnahmen zugeführt werden. Es fehlten Ingenieure an allen Ecken in allen ihm bekannten Behörden.

Ich blickte mich um: All die Juristen um mich herum sitzen in verantwortlichen Positionen. In den meisten Fällen haben sie fachlich keine Ahnung von dem, was sie tagtäglich entscheiden sollen. Sie arbeiten kontinuierlich an ihren Karrieren, um bis zur Pensionierung die höchstmögliche Besoldungsstufe erreicht zu haben. Ab einer gewissen Stufe werden die Ämter nur noch politisch besetzt. Dann entscheidet das richtige Parteibuch, die fachliche und/oder charakterliche Eignung bleibt endgültig außen vor.

Was immer diese Menschen tatsächlich denken und fühlen, sie behalten es für sich. Sie schleichen lautlos durch die Niederungen des geringsten Widerstandes und der politisch korrekten Unangreifbarkeit.

Es war die mit Abstand flachste und langweiligste Begegnung mit Menschen, der ich jemals beiwohnen durfte.

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