Tradition

Als ich heute Morgen einen kleinen, aufgeregten Weihnachtselfen zur Schule brachte, ging mir die ganze Zeit das Lied „Riesenkamell“ von Brings durch den Kopf.

„… denn als Panz weiß mer he schon: Dat es Tradition, dat es Tradition“

Entgegen seiner Gewohnheit hielt er meine Hand sehr fest, während er seinen Rucksack voll mit Schokoküssen, Chips und Apfelsaft zur großen Schulparty trug. Seit Tagen kreisten seine Gedanken um die Kostüme der Lehrerinnen und des Schulhausmeisters und auch auf unserem Weg wurde jedes Kostüm begutachtet und kommentiert.

Mir kamen die Tränen der Rührung bei soviel kindlicher Vorfreude und ich lief ergriffen zwischen all den Einhörnern, Clowns, Agenten und Prinzessinnen. Kurz darauf führte mich mein Weg ins örtliche Pflegeheim. Die Mutter freute sich über meinen Besuch. Dass ich kostümiert war, sah sie nicht. Obwohl sie an diesem Morgen auf ihren ruhelosen Runden schon mehrfach an der Karnevalsparty im Bewohnerrestaurant vorbeigekommen war, bemerkte sie das bunte Treiben erst in meiner Begleitung.

Eine Dame vom sozialen Dienst sang voller Freude kölsches Liedgut in die demente Runde. Die kostümierten Pfleger und die freiwilligen Helfer klatschten und sangen mit, verteilten alkoholfreies Kölsch und bemühten sich um Stimmung. Aber viele Blicke blieben leer. Wer sich noch an einen Fetzen Text erinnerte, lächelte und bewegte die Lippen zaghaft. Wo es zum Schunkeln nicht mehr reichte, wippte so mancher Fuß ganz höösch mit.

Ich verließ die Runde zügig, um das Kind von der Schule abzuholen. Vom Gepäckträger aus brüllte er mir all die Kostüme und karnevalistischen Details gegen den Fahrtwind in den Rücken. Wir wurden von einem Drachen überholt, bei dem eine kleine Zauberin auf dem Gepäckträger saß und ein noch kleinerer Pirat von seinem Krähennest hinter dem Lenker fröhlich das Lied vom Trömmelchen krähte.

Uns kamen zwei Nonnen entgegen. Ihre weißen Kopfbedeckungen flatterten im Wind. Während ich noch dachte, dass solche Kostüme irgendwie doof sind, erkannte ich die blaue Ordenstracht der Schwestern vom Pflegeheim und war versöhnt. Ich kaufte noch schnell eine Tüte Berliner. Die ersten Bierflaschen kullerten bereits über die Straße.

Ich erreichte das rettende Zuhause zur Mittagszeit, bevor ich mit der anderen Seite der Tradition, mit Gegröle, Geknutsche, Alkoholvergiftungen und Körperausscheidungen in Berührung kam.

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