Marieche danz

Die letzten Tag waren vom Karneval geprägt. Als durch und durch kölsches Mädchen durchzuckt es auch mich. Weiberfastnacht und Rosenmontag umgibt mich zuhause und im Auto der Klangteppich von WDR4. Abends zappe ich eine Woche lang durch die Übertragungen der aktuellen Kölner Sitzungen und der Zusammenschnitte der älteren Sachen. Und natürlich sitze ich am Rosenmontag auch ein paar Stunden vor dem Fernseher und schaue mir den Rosenmontagszug an. Wie jedes Jahr nehme ich mir dann vor, für die nächste Session endlich ein richtiges Lappenkostüm zu nähen und weiß doch mit dem Vorsatz schon, dass mich auch im nächsten Jahr kurz vor Karneval die Erkenntnis ereilt, dass es so kurzfristig nicht mehr zu schaffen ist.

Beim Ansehen der älteren Sitzungen fiel mir auf, dass die Reden viel schärfer und politischer waren. Dabei wurden die Regierenden kritisiert und persifliert. Und manchmal auch die mitlaufende Opposition. Niemand maßte sich an, ausländische Regierungschefs zu kritisieren. Außer vielleicht eine krude Anmerkung zu Ronald Reagans schauspielerischer Vergangenheit.

Im Publikum saßen „Neger“. Die nannte man damals noch so und niemand fand etwas dabei, weil es „Farbig“ irgendwie nicht traf und „Schwarzer“ noch nicht üblich war. Man durfte sich auch noch so verkleiden, weil es einfach nur ein Kostüm wie jedes andere war und niemand auf die Idee kam, jemanden mit schwarzer Hautfarbe damit zu beleidigen. Ebenso saßen Indianer, Scheichs, Chinesen, Nonnen, indische Tempeltänzerinnen, Zigeunerinnen und Haremsdamen im Publikum. Karneval durfte noch Spaß machen. Und ein Kostüm war einfach nur die befreite, tiefvergrabene Sehnsucht nach Exotik und kein politisches Statement.

Heute ist alles anders. Über Angela Merkel macht man nicht mal mehr einen Wagen im Düsseldorfer Zug, geschweige denn Witze in der Bütt. Angeblich, weil es nichts über sie zu sagen gibt. Stattdessen zeigt man dann Donald Trump, nackig als Engelchen mit U.S. Flagge im A….. Wie tief kann man in Anmaßung und Selbstüberschätzung noch sinken?

In der großen Kölner Sitzung macht ein schwacher Comedian brave zweitklassige Witze über dies und das, die einem gelegentlich ein sanftes, wohlwollendes Schmunzeln durch die Mundwinkel zucken lassen. Im Publikum kostümieren sich Politikergattinen maximal politisch korrekt, indem sie sich Teufelchenhörner aufsetzen und alte weiße Männer gehen in Phantasiekostümen als sie selbst: clowneske alte weiße Männer.

In der Aufzeichnung (zu welcher Sitzung auch immer) sorgt eine spaßbefreite Immi nach einem Doppelnamenwitz für einen Eklat, und die Kölsche Republik diskutiert via Presse und Facebook eine Woche lang, ob man solche Witze machen darf. Die bewitzte ihrerseits macht einen schlappen Witz in anderer öffentlicher Karnevalistenrunde und kriegt danach das ganze große „Blame and Shame“ Programm ab.

Bei der gestrigen Fernsehsitzung habe ich abgeschaltet, nachdem ich fassungslos den biederen Auftritt einer Tanzgruppe zu extrem lahmer Musik anschauen musste. Mir wurde in diesem Moment schlagartig bewusst, dass dort fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen eine leicht verdauliche Portion Kölner Karneval serviert wurde, um die Granden der Medien, Lokal- und Landespolitik nett in Szene zu setzen, mehr nicht.

Ich möchte den alten Karneval zurück. Büttenredner, die sich trauen, bissige Reden zu halten. Karnevalsvereine, die sich trauen, diese Redner einzuladen. Radio- und Fernsehsender, die sich trauen, das alles ohne Warnhinweis zu senden.

Und eine Gesellschaft, die darüber noch lachen kann!

IMG_8422