Im Sissiland

Ich war gestern im Museum. Wegen einer Sonderausstellung waren zu früher Stunde schon viele Besucher vor Ort. Und die Museumsleitung war ob des wohl unerwartet großen Andrangs nicht Willens oder in der Lage mehr als eine Kasse zu öffnen. So standen wir eine Weile in einer langen Reihe von wartenden Eltern und ungeduldig herumspringenden Kindern jeden Alters.

Es dauerte ein paar Minuten, bis ein Kind vor uns die Mutter fast schon entsetzt darüber in Kenntnis setzte, dass ein anderes Kind eines der Exponate im Foyer berührt hätte! Die Mutter zuckte mit den Schultern und das Kind zog wieder von dannen. Wenig später kam ein weiteres Kind und beschwerte sich, dass ein fremdes Kind an der Slackline rumwackelte, schließlich „macht man das doch nicht, so kann man doch gar nicht ordentlich balancieren!“

Das erste Kind kam wieder und meldete, dass nun bereits zwei Kinder an den Exponaten spielten. Richtig feste, so dass die Figuren wackelten. Zur Verdeutlichung zerrte es am Arm der Mutter. Kurz darauf kommt das etwa achtjährige Kind der Eltern hinter mir angelaufen und meldet völlig aufgelöst, dass ein angeblicher Neuntklässler „da vorne“ nicht wisse, wieviele Millionen eine Milliarde seien.  Zur Sicherstellung der mathematischen Inkompetenz habe er ihm direkt noch ein paar andere Rechenaufgaben gestellt, die dieser auch nicht beantworten konnte.

Während die Eltern hinter mir noch beschäftigt sind, ihr Kind zu beruhigen, kommt von der Seite eine etwa Vierjährige und brüllt über die Köpfe hinweg ihren Eltern echauffiert entgegen, dass sich nun bereits zwei Kinder an der Slackline vorgedrängelt hätten.

Ich denke beim Kaffee im Museum darüber nach, dass ich dieses Erlebnis hier im Blog verwenden möchte. Und mir fallen spontan eine Reihe von ähnlichen Erlebnissen ein. Da gibt es in Grundschulklassen einen Ordnungsdienst, der der Lehrerin die Kinder meldet, die ihre Stühle nach der Schule nicht ordnungsgemäß hochgestellt haben. Da gibt es mehrere Pausenordner auf dem Schulhof, denen man Fehlverhalten anderer Kinder anzeigen kann. Idealerweise hat man dafür immer einen Zeugen im Schlepp, eine Aufgabe die von allen Kindern gerne übernommen wird, weil die schriftliche Aufnahme der Details immer eine satte, entschuldigte Verspätung bedeutet. Gleichzeitig umgibt einen in Gesellschaft der Pausenordner auch immer eine Aura von „Wichtigkeit“.

Hat ein Kind Süßigkeiten in der Brotdose, muss es diese heimlich essen, weil sich ansonsten immer gerne ein eifriger Tischnachbar findet, der die Freveltat der Lehrerin meldet, die das betroffene Kind dann gerne vor der Klasse ob seines ungesunden Essverhaltens bloßstellt.

Das Beobachten des Verhaltens der Anderen, das Denunzieren und das Erwarten von bestrafenden Maßnahmen ist gesellschaftlicher Konsens geworden. Das ist die eine Seite der aktuellen Entwicklung. Die andere Seite ist die, dass wir uns gleichzeitig eine unselbständige Generation heranziehen, die die eigenen Angelegenheiten nicht mehr selber regeln kann. So als wäre mit der Meldung das Problem gelöst und der Rest wird bereitwillig in fremde Hände gegeben. Was für eine Entwicklung!

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