die anderen Anderen

Ich habe gestern eine Frau getroffen, die ich sehr mag. Das ist jemand mit Migrationshintergrund. Das ist nicht wichtig, spielt aber für diesen Beitrag eine gewisse Rolle. Die gesamte Familie ist nicht einfach nur integriert, sie ist vollständig assimiliert. Wenn man sie sieht oder am Haus vorbeigeht, dann ist alles an ihnen und am Haus „deutscher als deutsch“. Nur ihr Aussehen ist nicht „deutsch“, es ist dunkler, eben nicht straßenköterblond und blaß.

Ein erwachsener Sohn der Familie war auf einer linken Demo. Der junge Mann trägt Vollbart. Nicht, dass das wichtig wäre. Der straßenköterblonde, blasse junge Mann trägt ein ebenso straßenköterblondes, mühsam gezüchtetes dünnes Bärtchen. Dieser junge Mann trägt das auch, nur ist es bei ihm ein stattlicher Bart.

Aus einer großen Gruppe straßenköterblonder junger Männer mit Pudelmütze und dünnem Bärtchen wurde nun ausschließlich der junge Mann mit Pudelmütze und stattlichem, schwarzen Bart von der Polizei rausgegriffen, intensiv kontrolliert und auch noch mit einem markigen Spruch hinsichtlich der politischen Seite und der Frage, ob er sich nicht bei der Demo vertan hätte, bedacht.

Der junge Mann war außer sich, soviel Rassismus machte ihm ernsthaft zu schaffen. Er fühlte sich (zu recht) zutiefst ungerecht behandelt.

Im Gespräch mit der Mutter bekundete ich mein Verständnis für den Ärger des Sohnes. Es hat mit ihm wirklich den falschen getroffen und das allein aus optischen Gründen. Das ist sehr betrüblich. Aber ich wandte auch ein, dass ich die Polizei verstehe, die in einer Stresssituation eher jemanden kontrolliert, der optisch der Gruppe entspricht, die der polizeilichen Erfahrung nach üblicherweise einen größeren „Anteil am Ärger und der Polizeiarbeit“ hat.

Sie wollte das nicht gelten lassen und wischte meinen Einwand pauschal beiseite. Ich denke seit diesem Gespräch intensiv darüber nach. Ich frage mich, ob man ausschließlich die Polizei für ihren Rassismus im konkreten Fall verantwortlich machen kann. Oder ob nicht auch diejenigen, die üblicherweise einen hohen Anteil „am Ärger und der Polizeiarbeit“ haben, ein Stück weit Verantwortung für den Alltagsrassismus tragen.

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