Ein Stückchen unbeschwertes Glück

Sie rief an und wollte mich sprechen. Der kleine Sohn reichte den Hörer weiter. Ich war verwundert. Ob ich Zeit hätte, denn sie wolle mir etwas vorbeibringen. „Ja doch, gerne!“ antwortete ich. Der kleine Sohn war enttäuscht, hatte er doch bei ihrem Anruf eine nachmittägliche Verabredung mit ihr erwartet.

Als sie wenige Minuten später kam, überreichte sie mir feierlich ein Bild. Sie hatte bunte Schmetterlinge, Blumen und Herzen auf ein DIN A4 Blatt gestempelt. Dazu hatte sie noch ein paar winzige Aufkleber mit Schmetterlingen und Herzen angebracht.

„Fon E. vür Ute“ stand in der schönsten Druckschrift, die man in der zweiten Klasse schreiben kann, darauf. In der Mitte war aus bunt bedrucktem Papier ein Herz gefaltet. Sie könne noch ganz viele andere Sachen falten, sagte sie mir stolz. Aber das Herz passe am besten zu mir. Ich war gerührt. Wir fachsimpelten über das Papier, dessen Motiv ich erkannte. Ich hatte aus derselben Serie Bastelkarton beim lokalen Discounter erworben. Der kleine Sohn folgte unserem Frauengespräch aufmerksam, wenn auch mit Unverständnis.

Das untere Ende des Blattes hatte sie gelocht und an einer Schnur etwas daran befestigt. Ein weiterer Bogen Motivpapier war mit etwa fünf Meter Tesafilm zu einem kleinen Päckchen verschmolzen, das ich behutsam und sehr langsam öffnete. Sie wippte dabei ungeduldig auf den Zehenspitzen und bot an, mir zu helfen. Aber ich schaffte es auch ohne ihre Hilfe. Dem Päckchen entnahm ich drei winzige Muscheln und einen kleinen türkisen Mosaikstein, der in südlichen Ländern für Schwimmbäder verwendet wird. Die Muscheln seien aus Sardinien, der Stein aus dem letzten Urlaub in Südfrankreich, verkündete sie fröhlich.

Mir stockte der Atem, Tränen der Freude schossen mir beim Anblick des kleinen glitzernden Steinchens in die Augen. Ich bedankte mich überschwänglich bei ihr und wir  diskutierten darüber, wie selten man so einen intakten Stein findet, dass die meisten Steinchen eine „Ecke ab hätten“, und dass die hellen viel schöner in der Sonne glitzerten als die dunklen, die aber noch seltener zu finden seien. Der Sohn stand mit offenem Mund dabei. Er fragte mehrfach und jeweils sehr ungläubig, ob ich mich wirklich so sehr darüber freue.

Aber wie sollte ich ihm erklären, dass mit diesem Steinchen die Erinnerungen an die unbeschwerten und glücklichen Momente der Kindheit wieder wach wurden? Und wie sollte ich ihm erklären, dass ich ganz genau spürte, wie wertvoll dieses Geschenk war?

Das Mosaiksteinchen liegt nun schon seit Wochen auf der Fensterbank in der Küche. Und jedes Mal, wenn mein Blick zufällig auf ihn fällt, schließe ich die Augen und genieße einen Moment unbeschwerten, kindlichen Glücks.

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