Spätsommer

In jungen Jahren gab es zwischen dem Menschen an meiner Seite und mir einen Running Gag:

Ein Mann ist so alt, wie er sich fühlt.
Eine Frau ist so alt, wie sie sich anfühlt.

Damals mopperte ich immer halbherzig über die latente Frauenfeindlichkeit, um dann umso herzhafter darüber zu lachen. Rückblickend standen damals meine innere und  äußere Reife noch im Einklang.

Viele Jahre später dann, als ich meinen alten Vater für albernes Verhalten tadelte, ermahnte er mich mit dem erhobenen Zeigefinger seiner großen, weichen und faltigen Hand. Er belehrte mich, dass er wohl über achtzig Jahre alt sei, sich aber innerlich keinen Tag älter als achtzehn fühle. Ich nickte stumm und begann langsam zu ahnen, was er damit meinen könnte.

Vor ein paar Tagen war ich Einkaufen. Es gibt auf dem riesigen Parkplatz nur wenige Stellplätze, die ich regelmäßig aus besonderem Grund ansteuere. Sie liegen etwas erhöht und zu meinen üblichen Zeiten sind sie grundsätzlich frei. Nachdem ich meine geringe Beute im Auto verstaut hatte, richtete ich den Einkaufswagen aus, nahm über den Handgriff gebeugt Anlauf und sprang bei Erreichen der Wunschgeschwindigkeit auf den Wagen auf.

Von lautem Rappeln begleitet steuerte ich mein Gefährt an einem Mann im gesetzteren Alter (vermutlich mein Jahrgang) vorbei, der mich fassungslos anstarrte. Meine kindliche Freude erlosch spontan. Ich sprang ab, spürte meinen Rücken und humpelte eher, als dass ich ging, um den Wagen abzustellen.

Ich fühlte mich ertappt.

Nicht von dem sprachlosen Augenzeugen meines kindlichen Übermuts. Sondern von der plötzlichen Erkenntnis der breiten Schlucht zwischen innerer und äußerer Reife.

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