O sole mio

Als ich gestern Abend zufällig in die Sendung „Unter den Linden“ zappte, blieb ich hängen. Ich weiß gar nicht genau, warum. Vielleicht war es der Bart von Hans-Werner Sinn, die zu kurzen Socken und das sichtbare Stück Bein von Ingrid Nestle oder das wohlwollende Dauerlächeln von Eva Lindenau, irgend etwas hielt mich fest. Thema war „Die Energiewende: Ökologisch notwendig, ökonomisch gefährlich?“

Frau Nestle dozierte, im überheblichen Lächeln der Besserwisserei gefangen, über die Überflüssigkeit von Pumpspeichern und die real existierenden virtuellen Speicher, die ganz einfach durch eine Flexibilität im Verbrauch entstehen können, während Herr Sinn, umgeben von einer betont gelangweilten professoralen Aura darauf hinwies, dass nunmal in den berühmten Dunkelflauten nichts entstünde, was zu speichern wäre.

Als Frau Nestle darauf antwortete: „Herr Sinn, was Sie immer machen ist, dass Sie eine einzelne technische Antwort rausgreifen und beweisen, dass diese technische Antwort alleine nicht reichen würde!“, schaltete ich den Fernseher aus.

Seit vier Wochen ist unser Haushalt stolzer Nutzer eine Photovoltaik Anlage. Unsere Dachfläche, die nur drei Grad von der optimalen Ausrichtung abweicht, wurde mit den maximal möglichen 16 PV Modulen belegt und liefert seither Strom. Unser Ziel war nie Rentabilität. Unser Ziel war das gute Gewissen und der Wunsch, den Kindern vorzuleben, dass unsere „family for future“ mehr ausmacht, als ein buntes Plakat alle paar Wochen durch die Straßen zu tragen und dafür die Schule zu schwänzen.

Mein Leben ist anders seither. Jetzt, im November, beginnt die Anlage gegen 9 Uhr morgens mit zaghaften Stromlieferungen, an trüben Tagen reichen diese bis zur Mittagszeit aus, um etwa die Hälfte unserer Grundlast (also das, was wir verbrauchen, wenn wir gerade nichts verbrauchen) zu decken. In der Mittagszeit kann man an trüben Tagen auch noch staubsaugen, ohne Strom vom Netz zu beziehen. Gegen 15 Uhr kommt dann nichts mehr. Unsere persönliche Dunkelflaute zieht sich aktuell von 15 Uhr am Nachmittag bis 9 Uhr am Morgen.

An sonnigen Tagen fließt der Strom so reichlich, dass ich spätestens um 10 Uhr anfange zu waschen, neuerdings auch wieder halbe Maschinen, so dass spätestens um 12 Uhr eine weitere Maschine und der Trockner läuft, während ich gleichzeitig und ausgiebig auf höchster Stufe staubsauge und noch ein Brot im Ofen backe. Ich bin die Mensch gewordene Flexibilität im Stromverbrauch, der virtuelle Stromspeicher schlechthin!

Auch diesen Beitrag habe ich unterbrochen, aufgeweckt von den plötzlichen Sonnenstrahlen, die mein bescheidenes Studio fluteten, um den kurzzeitigen Stromsegen dem Staubsauger und der Kaffeemaschine zuzuführen.

Das Drama beginnt am Abend, wenn ich koche und die Kinder fernsehen, oder schlimmer noch, an zwei Computern gleichzeitig spielen, während der Mann ebenfalls am Rechner sitzt und heimarbeitet. Die PV Module ruhen dann in Dunkelheit und nichts, was sie am Tag auch bei bestem Wetter hätten produzieren können würde reichen, unseren Strombedarf am Abend zu decken.

In unserem Wahlkreis haben die Grünen bei der letzten Europawahl etwas über 39 % erreicht. In unserer Straße, mit ihren etwa 50 Häusern, sind wir die einzigen mit einer PV Anlage. In der Nachbarstraße gibt es etwa 75 Häuser und auch nur eins mit PV Anlage. Die meisten Fragen, die uns vom Umfeld zur PV Anlage gestellt wurden, betrafen die Rentabilität und die Fördermittel.

Seit wir die PV Anlage haben, sehe ich die Energiewende mit anderen Augen. Ich habe ein besseres Verständnis von den Treibern in unserem privaten Stromverbrauch erlangt, ich erkenne die Grenzen dessen, was erzeugbar ist und die Grenzen der Flexibilität in unserem Verhalten.

Und ich werde den Eindruck nicht los, dass ein wenig mehr praktische Erfahrung im alltäglichen Umgang mit erneuerbaren Energien den Grinsekatzen und Klatschhasen der medialen Euphorie das Rückgrat des kritischen Denkens wieder gerade rücken könnte!720D7805-249A-42D8-B75D-F1027A1ED7B2_1_201_a