Damals war´s

Gestern verließ ich die Beschaulichkeit meines Speckgürtels, um mich einmal quer durch die Stadt schaukeln zu lassen. Als gelegentlicher Nutzer des ÖPNV, der nicht dringend zur rechten Zeit irgendwo ankommen muss, lasse ich stets gerne meinen Blick und meine Gedanken schweifen.

Fast ausnahmslos jeder in der Bahn hielt ein Smartphone in der Hand. Nur einer telefonierte damit, der Rest wischte, tippte und lauschte. Die junge Frau neben mir blätterte ungeduldig durch Musiktitel, hörte den einen oder anderen Titel kurz an, um dann gleich wieder zum nächsten zu springen. Das typische Verhalten von unlimitiertem Musikzugriff im Monatsabo.

Das Mädchen gegenüber tippte mit schnellen Daumen auf das Display und zeigte blanke Knöchel über futuristischen Turnschuhen. Sie trug eine enganliegende Hose, eine taillierte Jacke und Hidschab. Ich fragte mich, wie das alles zusammenpasst und fand keine Erklärung.

Nach dem Umstieg am Bahnhof stieg die Quote der Trainingshosen in meinem Zugteil rapide an. Jeder unter 25 trug eine, Jungs und Mädchen, Männer und Frauen. Mit stummen Blick betrachtete ich die Trainingshosenträger. Sie betrugen sich lässig, bequem, ohne Körperspannung, fast federnd. Sie fläzten rum, beim Sitzen, Stehen und Gehen. Dazu zeichneten ihre Hosen gnadenlos (für Träger und Betrachter) jegliche Kontur des Körpers ab.

Alle waren vertieft in ihre Smartphones. Ihnen schien jegliches Gefühl für die Welt drumherum zu fehlen. In der äußeren Erscheinung weitgehend gleichgeschaltet, blieben sie mit leerem Blick in ihrer persönlichen Existenzblase gefangen.

Vor ein paar Tagen gab es einen Thementag in ARD Alpha, an dem verschiedene Beiträge zur Kindheit und Jugend in den 50er bis 70er Jahren gezeigt wurden. Ich schaute eine Folge des zweiteiligen Films „Biwi – Satirische Mutter-Sohn-Geschichten mit Elfie Pertramer“ von 1960 und „Terror aus dem Kinderladen“, über antiautoritär erzogene Kinder im ersten Schuljahr von 1972.

Irgendwann damals hat es begonnen. Das Legere, das Ungepflegte wurde chic. Sich draußen zu benehmen, als säße man im eigenen Wohnzimmer, war zunächst von den Alten kritisch beäugte Rebellion der Jungen und der Intellektuellen. Heute ist es entsetzliche Normalität. Kaum einer der jüngeren Menschen weiß mehr, wie man sich „ordentlich“ in der Öffentlichkeit benimmt. Den einen wurde es regelrecht aberzogen, den anderen nicht mehr anerzogen und wieder andere haben es noch nie anders gekannt.

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