Alle Tage für die Zukunft

Im Frühjahr erzählte der Sohn mit wohlkalkuliertem Anlauf begeistert davon, dass Klassenkameraden zur Freitagsdemo gegangen seien. Es traf mich unverhofft, aber erwartet.

Ich sprang darauf an, bekundete meine ehrliche Wertschätzung für soviel Engagement und in den Augen meines Gegenübers führte die Hoffnung auf künftige schulfreie Freitage zu ekstatischem Leuchten. Schnell stellte ich klar, dass der Kampf für die Umwelt und die Zukunft nicht nur freitags und auf Demos zu führen sei. Vielmehr müsse man groß denken und alles auf den Prüfstand stellen. Ich fragte, welcher Strom der Beste sei. Auf die erwartbare Antwort „Solar oder Wind“ sagte ich: „Falsch, der beste Strom ist der, den man nicht verbraucht und den man daher gar nicht produzieren muss!“ Ich verfiel in Aktionismus und mein Gegenüber wurde blass. Ich zog alle Register: Stromsparen im Haushalt (Verzicht auf Wäschetrockner=brettharte Jeans, Verzicht auf elektronische Geräte=dauerhafte digitale Steinzeit ohne Fernsehen, YouTube und Videospiel), Waschen mit kaltem Wasser, verkürzen der Heizperiode, keine Urlaubsflüge mehr und Einstellen der Schwimmbad- und Freizeitparkbesuche waren die Dinge, die mir spontan in den Sinn und über die Lippen kamen.

Mein Gegenüber wurde einsilbig. Wir einigten uns auf kleine Schritte im Alltag, das fand er gut. Und zur Demo wollte er eigentlich eh nicht.

In der Woche vor dem 20. September kam das Thema wieder hoch. Am Mittwoch vor der Demo wurde in der Klasse vom Lehrpersonal abgefragt, wer zur Demo geht, wer nicht geht und wessen Eltern es verboten hätten. Der Sohn meldete sich bei der dritten Gruppe. Er sagte mir, dass er es so einfacher fand, er wolle sich nicht erklären müssen. In der ersten Gruppe hatten sich zwei Kinder gemeldet.

Am Donnerstag schärfte eine andere Lehrkraft der Klasse ein, dass das Kollegium die Teilnahme an der Demo befürworte. Schließlich ginge es um die Zukunft der Schüler. Der Sohn überlegte, ob er nicht doch zur Demo ginge. Er vermutete positive Effekte auf seine Noten und verkündete, dass nun „die ganze Klasse“ gehen wolle.

Im Elternchat wurde am Vorabend der Demo die Frage der Teilnahme diskutiert. Die Beiträge liefen alle nach dem selben Muster: Völlige Zustimmung zum Thema, Bekenntnis zu den Zielen der Bewegung und zur Teilnahme an der Demo. ABER leider morgen für das eigene Kind ganz ungünstig, lieber doch nicht, vielleicht beim nächsten Mal. Parallel dazu im Klassenchat Aufregung, Diffamierungen und fast schon Verzweiflung bei denen, die sich durch die Gruppe und die Lehrer gedrängt fühlten und von den eigenen Eltern zurückgehalten wurden. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war auf einem Nullpunkt angekommen. Am 20. September waren von 24 Kindern der Klasse 22 Kinder im Unterricht anwesend.

In den letzen Novemberwochen wurde das Thema wieder hochgefahren. Über die Pflegschaft wurde der Hinweis der Schulleitung verteilt, dass man Teilnahme an der Demo ausdrücklich befürworte. Einzelne Lehrer begannen wieder mit mehr oder weniger subtilen Appellen an die Schüler.

Am Demotag waren alle Kinder im Unterricht anwesend. Alle wollten die in den nächsten Wochen anstehenden Tests gut bestehen und nicht unnötig Unterricht versäumen. Im Klassenchat wurden Lernaufgaben und kopierte Schulbuchseiten geteilt und im Elternchat ging es um optimale Lernstrategien.

Eine wohltuende Normalität ist wieder eingekehrt und es scheint, dass die überhitzte Hysterie des Spätsommers langsam auskühlt…

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