Ablasshandel

Gestern Abend bin ich an dem Artikel „Wenn Eltern es nicht schaffen“ in der Zeit hängen geblieben. Ich habe den Artikel eigentlich nur kurz überflogen, weil mich die rosarote Darstellung der „Frühförderin“ irgendwie gestört hat. Diese steigt morgens um sieben ökologisch korrekt in ihr Elektroauto und beglückt in Jeans, geblümter Bluse, Pferdeschwanz und drei großen Taschen mit pädagogisch wertvollem Spielzeug Kinder einer Kita mit der Frühförderung. Dieser Artikel war so voll mit Klischees, dass es nur logische Folge war, dass über dreihundert Kommentare von meist ebenso klischeebeladenen Zeitgenossen abgegeben wurden.

Wie so oft bei Themen mit Kinder-, Schul- und Erziehungsbezug schien mir, dass die meisten Kommentatoren Kinder nur aus der Erinnerung an ihr kindliches ich kennen. So habe ich am Ende mehr Zeit beim Lesen der Kommentare verbracht als mit dem eigentlichen Artikel.

Manche forderten „Elternschulungen“ mit Abschlussprüfung, manche brachten Beispiele für „schlechte“ Spielzeuge, die sie mal irgendwo bei irgendwem gesehen haben, manche forderten, Kinder nur noch von Spezialisten betreuen zu lassen sowie ein generelles Verbot ungesunder Nahrungsmittel.

Es erinnerte mich an die regelmäßigen Gespräche mit anderen Hundehaltern und ihr Entsetzen darüber, dass man den fortwährenden Besuch der Hundeschule ablehnt oder das Futter aus natürlichen, frischen Zutaten selbst bereitet, statt von Spezialisten kreiertes  Trockenfutter zu reichen.

Wie konnte es dazu kommen, dass wir jegliches Vertrauen in unsere (Über-) Lebensfähigkeit ohne Hilfe von Spezialisten verloren haben?

Warum glauben wir, dass aus Kindern nur etwas werden kann, wenn sie mit pädagogisch wertvollem Spielzeug spielen? Was glauben wir, können ein bis zwei Förderstunden mit einer Sonderpädagogin pro Woche an der Entwicklung eines Kindes ausrichten, das in den rund 40 Wochenstunden Kita und dem Elternhaus mit drei Geschwistern nicht spricht und sich nicht entwickelt? Was glauben wir, kann eine Stunde Nachhilfe pro Woche an den schlechten Schulleistungen ändern? Was können die anderthalb Stunden samstags auf dem Hundeplatz ändern, wenn man den Rest der Woche mit dem Tier nicht rausgeht? Was kann die Horde anzugtragender, pickliger Young Professionals den Vorständen präsentieren, was die nicht selbst wissen sollten?

Alle diese Anbieter wollen nur unser Bestes: unser Geld. Und das ist aus meiner Sicht der einzige Grund für unsere schrittweise Entmündigung und die Zunahme all der „Spezialistenleistungen“, ohne die wir, so redet man uns ein, alles falsch machen würden. Und wir zahlen gerne und kaufen unser schlechtes Gewissen frei. Moderner Ablasshandel, gegen die Hölle auf Erden, selbst verantwortlich zu sein…

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