Bewahren

„Es ist nichts Besonderes daran, konservativ zu sein. Aber es ist etwas Besonderes, ein intellektueller Konservativer zu sein. Sowohl in Großbritannien als auch in den Vereinigten Staaten bezeichnen sich etwa 70 Prozent der Akademiker als Linke, während die uns umgebende Kultur immer feindseliger auf traditionelle Werte und auf jedes Lob der Errungenschaften der westlichen Zivilisation reagiert.“ Roger Scruton

Ich bin, was das Lesen betrifft, ein Wanderer zwischen analoger und digitaler Welt. Auch heute noch kann ich mich an den Geruch der Kinder- und Jugendbücher aus dem Schneider Verlag erinnern. Ich weiß noch genau, wie sich die dünne Folie vom Einband der Hanni und Nanni Bücher bröckelnd löste, wenn man die Bücher nur oft genug aufgeschlagen hatte. Ich spüre noch die leichte Struktur der Taschenbücher der Jeans-Reihe für Jugendliche unter den Fingerspitzen und ich glaube, dass ich auch heute noch ein altes Taschenbuch von Suhrkamp von einem von Diogenes allein am Geruch der Seiten und des Bindeleims unterscheiden kann.

Zu einem erfolgreichen Lesevergnügen gehörte für mich immer schon ein ansprechendes Titelbild, ein ordentlicher Flattersatz und eine angenehme Haptik des Papiers. Als geübter analoger Leser bemesse ich den Lesefortschritt in mm und cm, nicht in Kapiteln. Und das Wiederfinden wichtiger Textstellen erfolgt eher fotografisch beim Durchblättern.

Aus meiner Zeit an einem Institut der Kölner Universität habe ich die Angewohnheit behalten, vor dem Lesen eines Buches zunächst die ersten drei Sätze, weitere zwei Sätze irgendwo aus der Mitte und den Schlusssatz zu lesen. Als Studentin hat mich immer beeindruckt, wie die Wissenschaftler im Institut über diese sechs Sätze eines beliebigen Buches stundenlang mit Freude diskutieren konnten und welche Schlüsse sie zogen.

„so komme ich zur folgenden allgemeinen Schlussfolgerung: Die Rolle des Staates sollte geringer sein, als es die Sozialisten fordern, und größer, als es die klassischen Liberalen erlauben würden. Der Staat hat die Aufgabe, die bürgerliche Gesellschaft vor äußeren Feinden und vor innerer Unordnung zu beschützen.“ Roger Scruton

Seit einigen Jahre verwende ich auch eBook-Reader. Sie haben einige große Vorteile, und doch tue ich mich schwer. Die Orientierung im Buch, der Umfang des bereits Gelesenen und des noch zu Lesenden bleiben verborgen hinter Positionsnummern und prozentualen Angaben. Das ist, wo ich zumeist Fachbücher lese, manchmal ein Problem. Denn die oft umfangreichen Fußnoten machen bis zu 20 Prozent des Lesestoffes aus. Da denkt man dann, man hat noch ein Weilchen mit dem Buch zu tun und ist doch völlig unverhofft bereits am Ende angelangt. Auch das Auffinden von Textstellen ist schwieriger, wenn man deren Wortlaut nicht genau erinnert und es versäumt hat, sie beim Lesen digital zu markieren.

Meine Angewohnheit mit den sechs Sätzen ist im eBook nur mit Mühe umzusetzen, gerade der Schlusssatz ist, je nach Buchbearbeitung, nur schwer zu finden.

Das Buch von Roger Scruton „Von der Idee, konservativ zu sein“ hat mich nun zwei Monate beschäftigt. Das ist nicht ungewöhnlich, lese ich die eBooks doch nur abends oder nachts. Zudem fesseln schwierige Themen seltener und manchmal, tja, da verliert mich der Autor oder ich das Thema. Die Gedanken gehen dann spazieren, kehren nicht zurück und fallen mit mir in einen tiefen Schlaf…

„Wir sollten jenen widerstehen, die die Verluste endgültig abschreiben und vergessen wollen, die die Schatten, Ecken und die geliebten alten Pforten hinwegfegen und die Stadt ersetzen wollen durch einen großen, gläsernen Bildschirm über dem Abgrund, in den wir dann bis in alle Ewigkeit starren werden.“ Roger Scruton

Roger Scruton starb am 12. Januar 2020 im Alter von 75 Jahren. Im obigen Text habe ich, meiner Gewohnheit folgend, die drei ersten Sätze, zwei aus der Mitte und den Schlusssatz aus dem genannten Buch zitiert.

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