geführte Kreativität

Der Kunstunterricht in der Schule war für mich immer ein Anlass zur Freude. Ich erinnere mich auch so viele Jahre später noch an eine Vielzahl von Werken, mit denen ich mein familiäres Umfeld beglückte.

In der gedanklichen Vorbereitung auf diesen Beitrag habe ich festgestellt, dass der Unterricht bis zur Mittelstufe immer auch der Vermittlung von Kulturtechniken diente. Da wurde auf unterschiedliche Weise getöpfert und anschließend glasiert. Da wurden Hoch- und Tiefdruckverfahren vermittelt, Wolle gesponnen, gefärbt und gewebt, mit Feder geschrieben und gezeichnet, Holz bearbeitet und Steine behauen. Erst später, in der Oberstufe, als man viele Techniken kennengelernt hatte, wurde einem eine Kunstrichtung vor die Füße geklatscht und man tobte sich entsprechend aus.

Wenn ich den Kunstunterricht meiner Kinder betrachte, ist von all dem im Schulalltag wenig übrig geblieben. Die hiesige Grundschule verfügt weder über einen Brennofen noch über einen anständigen Werkraum. Die hiesige Gesamtschule hat zwar eine großzügige Ausstattung, zum Einsatz kommt sie jedoch nicht. Den dritten Tag der offenen Tür in Folge wurden die selben, aus lufttrocknender Modelliermasse hergestellten und mit Plakafarbe bemalten Lebensmittel ausgestellt. Dort, wo auf den Regalen in den Wohnungen meiner Eltern und Schwiegereltern windschiefe Aschenbecher, wackelige Vasen und Windlichter aus Speckstein standen, herrscht bei uns gähnende Leere. Dafür beheimaten wir zwei Mappen, voll mit jeweils gut zweihundert welligen Wasserfarbbildern.

In der Unterstufe steht die Erstellung eines Comics auf dem Stundenplan. Über Wochen wird die Theorie besprochen: Was ist ein Comic, wie gehe ich das Thema an, was sind die Elemente der Gestaltung? Auch nach fünf Wochen hat noch kein Schüler einen Stift in die Hand genommen und die ersten krakeligen Bildchen gemalt. Stattdessen wurde schon einmal die darzustellende Handlung vorgegeben: Klimawandel, Buschbrände in Australien und Fridays for Future. Und weil die Schüler nicht sofort gejubelt haben, wurden sie mit Bildern von sterbenden Kängurus, durstigen Koalas und dem Programm von FFF auf Linie gebracht.

Eine Generation, die mit Greg´s Tagebüchern und Tom Gates aufwächst, den Kopf voll Flausen und jugendlicher Kreativität, darf sich in engen kreativen Grenzen artig am Klimawandel abarbeiten.

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