My Sharona

Mein Verhältnis zu Corona entspricht in etwa dem Verhältnis meines Vaters zu Kirche und Religion. Solange ich denken kann hat er mir eingetrichtert, dass Religion Quatsch und Kirche Mummenschanz sei. Er als Forscher wusste ganz genau, dass „da oben“ niemand sitzen könne. Als der Sensenmann bereits im Türrahmen lehnte ließ er sich dann doch noch schnell vom Hausgeistlichen des Pflegeheims mit den heiligen Sterbesakramenten ausstatten, um seine letzte große Reise anzutreten. Better safe than sorry!

Seit gut zwei Monaten beobachte ich die Berichterstattungen zur Entwicklung sehr genau. So genau, dass ich Ende Januar bereits mit einem komischen Gefühl zur geliebten Mädchensitzung gegangen bin und kurz vor Karneval schon im Umfeld verlauten ließ, dass man Karneval besser absagen solle. Ich erntete allgemeines Unverständnis. Letztlich war ich froh, dass ich wetterbedingt um den Besuch der lokalen Karnevalsumzüge herum kam und bei einer kleinen Geburtstagsfeier Anfang März im kleinen Kreis hielt ich bereits Abstand von den Alten und Kranken, umarmte aber noch fröhlich die jungen Erkälteten. „Was soll die Vorsicht, nach Karneval sind wir doch immer alle krank!“ krächzte die Partynudel in die Runde.

Am 9. März besuchte ich noch meine Mutter, nicht ohne mir bei Betreten und Verlassen des Pflegeheims die Hände gründlich zu desinfizieren. Die Teilnahme an der Beisetzung meines Patenonkels am 12. März sagte ich, nach einer schlaflosen Nacht voller Zweifel, schweren Herzens ab.

Seither überschlagen sich die Ereignisse. Und ich stehe fassungslos vor dem täglich größer werdenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Scherbenhaufen, den die ergriffenen Maßnahmen zwangsläufig hinterlassen werden.

Ich verfolge jeden Informationsfetzen, den ich irgendwo im weltweiten Netz ergattern kann. Ich versuche die Gefährlichkeit zu erkennen und erwische mich oft genug dabei, wie ich Risiken für konstruiert halte. Ich tausche mich aus, wenn auch der mögliche Radius des Austauschs beinahe stündlich schrumpft. Ich habe zum Glück eine gebildete Person und hervorragende Analytikerin im Umfeld, die mich für meine (manchmal kruden) Theorien nicht verlacht und, ebenso wie ich, zwischen den Extremen schwankt.

Umgeben von einem Hauch von „A Beautiful Mind“ entwerfe ich Mindmaps und werte unterschiedlichste Daten aus, um wenigstens eine Korrelation zu finden, die mich einer möglichen Wahrheit bzw. Kausalität nahe bringt.

Ich möchte es nur wissen, ich möchte wieder Ordnung in mein Weltbild bekommen, das so fürchterlich aus den Fugen geraten ist. Und auch wenn ich weiß, dass im Zusammenhang mit Corona mein Wissen begrenzt ist und ich allein in meinem Kämmerlein die Fakten niemals zusammenbringen werde, habe ich dieses Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmt.

In den letzten knapp zwanzig Jahren meines Berufslebens habe ich Zahlen und Abläufe solange analysiert, bis ich den Fehler fand. Ich habe Menschen interviewt und ihre Wortwahl und Mimik auf die Goldwaage gelegt. Und wenn ich nach all den Jahren eines ganz sicher sagen kann, ist es, dass mein anfängliches Bauchgefühl im Nachhinein immer richtig war.

Trotzdem wasche ich wie besessen meine Hände und habe das Schnittmuster für Schutzmasken bereits an der Nähmaschine liegen. Wenn der Sensenmann tatsächlich schon im Türrahmen lehnen sollte, möchte ich ihn wenigstens mit einer ansprechenden Maske empfangen…

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